Pablo Escobar, der ungekrönte Drogenkönig, wurde vor 18 Jahren von Kolumbiens Militär erschossen. Doch auf dem Palisadentor zu seinem einstigen Landsitz zwischen Bogotá und Medellín thront noch immer eine einmotorige Piper mit dem Kennzeichen HK-617. Sie flog Escobars erste Ladung Kokain in die USA. Gemessen an der heutigen Wirklichkeit, erscheint die Maschine wie eine alte Kiste aus der Zeit der Flugpioniere.

Gut 7000 Kilometer östlich von Bogotá liegt in der Wüste von Mali das Gerippe einer Boeing 727-200. Rauschgiftfahnder, die das Wrack ohne Kennzeichen Ende 2009 fanden, sind sich sicher, dass Drogenschmuggler den großen Vogel aus Südamerika über den Atlantik steuerten, in Westafrika in den Sand setzten, ein paar Tonnen Kokain entluden und das ausgediente Flugzeug abfackelten. Ein leichterer Jet aus Venezuela mit dem Zeichen des Roten Kreuzes landete schon im Jahr zuvor auf einer unbeleuchteten Rollbahn des Lungi International Airport bei Freetown in Sierra Leone. Der Flug war nicht registriert, die Flugsicherung schlug Alarm, doch die Crew hatte sich schon aus dem Staub gemacht. Allerdings ohne die 700 Kilogramm Kokain an Bord der Maschine. In Guinea-Bissau steht am Rande des Flughafens ein vormals elegantes Geschäftsflugzeug vom Typ Gulfstream mit dem Kennzeichen N351SE. Es war unangemeldet aus Venezuela gekommen und zum Hangar der angrenzenden Luftwaffenbasis gerollt. Bevor die misstrauische Polizei die Crew festnehmen konnte, intervenierten Soldaten und beschlagnahmten die Ladung von über einer halben Tonne Kokain. Erst nach Tagen gab die Armee das Flugzeug frei; zuvor hatte sie die Piloten aus Venezuela laufen und das Kokain aus dem Militärdepot verschwinden lassen.

Es ist eine neue transatlantische Partnerschaft, die ihre Umschlagplätze immer weiter ausdehnt . Drogenkartelle in Kolumbien kaufen alte Jets und benutzen den Osten Venezuelas als Startrampe für ihre Luftbrücke nach Westafrika, von wo aus das Kokain mit Kurieren nach Europa geht. Das Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung schätzt, dass inzwischen jährlich mindestens 50 Tonnen Kokain aus der Andenregion zum afrikanischen Brückenkopf kommen.

Der Big Lift über den Ozean erschließt dem Drogenhandel neue Märkte . Kokain erzielt inzwischen in Europa einen doppelt so hohen Preis wie in den USA. Die US-Küsten werden heute so gut kontrolliert, dass die fliegenden Kisten aus Escobars Tagen sofort entdeckt werden würden. Über dem Atlantik hingegen fehlt ein ausreichender Radarschirm. Und Flugzeuge sind billig, seit Hunderte infolge der Wirtschaftskrise eingemottet wurden. Ein paar Douglas DC-8 mit vier Triebwerken und zu einem Preis unter 300.000 Dollar lassen sich leicht auftreiben. Noch einladender sind die schwachen Rechtssysteme und käuflichen Behörden der Küstenstaaten Westafrikas. Im bettelarmen Guinea-Bissau, das kaum Hamburgs Einwohnerzahl erreicht, wird Kokain für Europa umgeschlagen, dessen Wert das Bruttoinlandsprodukt von 400 Millionen Dollar weit übersteigt. Kein Wunder, dass die Drogenmafia bei den Parlamentswahlen 2008 vor allem den Posten des Fischereiministers zu ergattern versuchte. Denn das Kokain aus Südamerika landet auf den vielen vorgelagerten Inseln; an ihren Küsten werfen Flugzeuge ihre Fracht über dem Meer ab.