Der Unterschied zwischen einem möglichen Atom-GAU und einem wirklichen ist der Unterschied zwischen Fiction und Non-Fiction. Bisher hatten wir es in der Atomfrage meistens mit Fiction zu tun. Mögliche Katastrophen waren "Drehbücher" oder "Worst-Case-Szenarien". Der Ernstfall, der so heißt, weil er das Spiel der Wirklichkeitssimulationen beendet, blieb imaginär. Selbst der Schock von Tschernobyl (russisch, marode, ein vermeidbarer Unfall) hatte eine kurze Halbwertszeit. Die Sicherheitsabwägungen gehorchten bald wieder einem Skript aus Annahmen, Wünschen und Vorstellungen. "Nach menschlichem Ermessen", hieß es, seien die deutschen Kernkraftwerke sicher.

Doch menschliches Ermessen fällt in den Zuständigkeitsbereich von Fiction, Abteilung Realismus. Eine Kunstrichtung, die auf ein klischiertes Erfahrungswissen zurückgreift und meist in mittelmäßigen Romanen endet. So war die Auseinandersetzung mit den atomaren Risiken wie schlechte Literatur, in der immer gerade so viel passiert, wie ein kleines Herz fassen kann.

Die japanische Tragödie bringt uns um den Schlaf, weil sie Non-Fiction ist. Sie ist der Einbruch der Wirklichkeit in die sich selbst bestätigenden Fiktionen, die über sie in Umlauf waren. Zusammengebrochen sind deshalb nicht nur Kraftwerke, sondern auch Weltbeschreibungssysteme.

Der japanische Autor Haruki Murakami, der das Gefühl der seelischen und semantischen Kernschmelze schon nach dem Erdbeben in Kobe beschrieben hat, lässt seinen Tokyoer Helden in seinem jüngsten Roman 1Q84 sagen: "Ich bin wie ein Mensch, den man ganz allein in der Nacht auf dem Ozean ausgesetzt hat und der nun dort umhertreibt. Wenn ich die Hände ausstrecke, ist niemand da. Wenn schreie, kommt keine Antwort." Die optimistische Autosuggestion, dass die Wirklichkeit sich freundlicherweise an die menschlichen Drehbücher halten wird, war bei diesem Autor schon vor Fukushima erschöpft.

Jetzt versinken die alten Wortfloskeln wie Sicherheit und menschliches Ermessen in den Fluten. Selbst wenn der Risikohorizont der Atomkraftwerke nach den jüngsten Erfahrungen neu abgesteckt wird, glaubt kaum noch jemand, dass die nächste Katastrophe so wohlerzogen sein wird, sich höflich nach den erweiterten Sicherheitsrichtlinien des deutschen Umweltministeriums zu erkundigen. "Ein Würfelwurf wird den Zufall niemals abschaffen", schrieb Stéphane Mallarmé. Rechnungen, die aufgehen, sind immer nur aus Papier.

Das alles war lange bekannt. Jedenfalls theoretisch. Dennoch musste die Natur uns erst selbst beweisen, was wir schon wussten: Sie macht, was sie will. Sie ist für sich da, nicht für uns. Man kann das erhaben nennen. Oder schrecklich. Oder wirklich.

Bisher konnte nichts unsere Gummihaut aus Fiktionen durchdringen. Keine Worte, keine Bilder, keine Mahnungen. Die Wirklichkeit wird uns nun aus dem Traum reißen, der gerade zum Albtraum wird.