Zwei Engel unterhalten sich auf leerer Bühne: "Alles vorbei?" – "Alles vorbei." – "Ich muß sagen, bei Licht besehen, niemand mehr. Niemand." – "Es gibt nur noch dich und mich." – "Die Bühne der Nacht, unsere Bühne." – "Ghost stage. Wüste Fläche. Hier und da Überreste einer feindlichen Invasion."

Mit diesen Worten beginnt das neue Stück von Botho Strauß, Das blinde Geschehen . Das Spiel ist im Wiener Burgtheater vorbei, ehe es begonnen hat. Dann aber spricht der eine Engel: "Denk dir, aus Zerstörung steht ein Schauspiel auf wie ein rückwärts laufender Film." Und der andere sagt: "Gefallene Tränen rollen aufwärts unter die Wimpern."

Im Geiste dieser Umkehrschubmagie funktioniert Straußens neues Stück. Es erschafft uns die Welt noch einmal. Es holt sie aus den Abgründen zurück, in denen sie schon versunken ist. Sein Stellvertreter auf der Bühne ist ein Spieleerfinder, ein game designer namens John Porto, der sein Leben weitgehend im Liegen führt, sich aus dem Weltgeschehen heraushält, das aufgeklappte Laptop als Schutzschild auf dem Schoß balanciert und von sich selbst sagt: "Außen trag ich Fleisch als Tarnung, aber mein Hirn spielt dasselbe Spiel, das ich online spiele. Ich bin aus game und werde zu game."

Alle Strauß-Figuren werden beherrscht von den Kräften der Vergangenheit: In deren Auftrag agieren sie, von deren Dämonen werden sie geritten. John Porto nun, Straußens neueste Figur, befreit sich von der Vergangenheit, indem er sie in Spielmaterial verwandelt: Er erschafft sich aus alldem ein "Second Life", worin er selbst als Herrscher verkehrt.

Es gibt in dieser "Zweiten Welt" sieben Revue-Engel, in deren Dialogen eine Häme herrscht, vergleichbar jener in den Dschungelcamp-Moderationen von Sonja Zietlow und Dirk Bach: ein gehässiges Frohlocken über die Peinlichkeit der Sterblichen. Es gibt bei Strauß unheimliche Riesen, welche, frei nach Luigi Pirandello, alle Menschen zu zerquetschen drohen. Es gibt eine "Schattin", welche sich mit John Porto gar zu gern vereinigen würde und von diesem fauchend zurechtgewiesen wird: "Hör auf mit deinen Begierdewehwehchen." Und es gibt das Urweib Freya Genetrix, welches, als einzige Gestalt dieses Abends, auf Augenhöhe mit John Porto verkehrt, ihm ebenbürtig in ihrer stolzen Irrealität. Die beiden foppen einander, lösen sich voreinander auf und materialisieren sich wie Figuren aus einem Fantasy-Film.

Gegen die übermächtige Vorgeschichte haben Strauß’ Figuren stets ihre Flüchtigkeit gesetzt: Kaum glaubte man, sie begriffen zu haben, da zerstäubten sie schon, kaum hatte man im Gewimmel der Randgestalten einen Protagonisten entdeckt, da verschwand er rückstandslos von der Bühne. Nicht der Auftritt prägt Strauß’ Theater, sondern der Abgang, das dauernde Hinaus, hinaus!

Nun verbindet sich der ungeduldige Gestus seiner Dramatik mit jenem der Netzwelt, in welcher man immerzu Gelegenheit hat, aufzuräumen, Welten neu zu starten und zu löschen, kurzum: den großen Papierkorb zu leeren.

John Porto, Strauß’ Protagonist, ist ein rüder Herrscher: Mehrmals faucht er den französischen Befehl "Pas ça!" ("Das nicht!") und löscht seine eigene, um Verschonung bettelnde Schöpfung. Es schwebt ein Finger, John Portos Finger, drohend über der großen Delete- Taste, und wahrscheinlich ist es der Mittelfinger.

Robert Hunger-Bühler spielt den Porto. Bei diesem Schauspieler erlebt man stets die souveräne Verkostung, ja die äußerste Verkostbarung des Textes. Unverwechselbar ist seine bis zum Bersten gedämpfte, von gebändigtem Pathos erfüllte Stimme – eine Stimme, welche bebend heiser allen Jubel, allen Lärm, alles Geschrei in eine höhere Tonlosigkeit versetzt: das Negativ einer Stimme, gebeizt und ausgezehrt von den vielen Pas-ça- Befehlen, die sie schon sprechen musste.

Drei Regisseure wurden in den letzten Jahren der Gnade teilhaftig, ein Stück von Botho Strauß uraufführen zu dürfen, Luc Bondy, Dieter Dorn und Matthias Hartmann. Hartmann, der Jüngste von ihnen, inszeniert nun am Burgtheater Das blinde Geschehen. Er holt aus dem Stück mit einigen tollen Schauspielern – vor allem Dörte Lyssewski (als Freya) und Peter Matíc – die Revue, welche ihm, in seiner Konstruktion, zugrunde liegt.