Der Gang durch den Wal-Mart Superstore ist für stolze Amerikaner mit vielen kleinen Demütigungen verbunden: Von Schuhen über Buntstifte bis zu Flachbildschirmfernsehern – quer durch die Angebotspalette stößt der Verbraucher auf den Hinweis "made in China". Selbst Stars and Stripes, die Nationalflagge, wird heute im Ausland zusammengenäht – was den Bundesstaat Minnesota dazu veranlasst hat, in staatlichen Läden nur den Verkauf von heimisch produzierten amerikanischen Fahnen und Wimpeln zuzulassen. Wer dagegen verstößt, riskiert bis zu 90 Tage Gefängnis.

Es ist ein kleiner Schritt gegen ein Übel, das viele Kommentatoren derzeit den USA diagnostizieren: Deindustrialisierung. Tatsächlich hat der US-Industriesektor seit Anfang der siebziger Jahre rund sieben Millionen Jobs verloren. Weniger als zehn Prozent der Amerikaner arbeiten noch in der Industrieproduktion, was lange auch niemanden aufgeregt hat. Doch nun geht angesichts der hohen Arbeitslosigkeit und der schlappen Erholung die Angst um, mit den Industriejobs auch den Status einer Wirtschaftssupermacht zu verlieren. Sogar der amerikanische Geheimdienst setzt sich neuerdings damit auseinander: Die Agenten haben eine Untersuchung begonnen, die klären soll, ob die USA noch genug heimische Lieferanten für Rüstungsgüter haben. Kürzlich wollte der Verteidigungsminister Robert Gates nämlich einen Eilauftrag für gepanzerte Lkw vergeben und musste feststellen, dass es nur noch ein einziges Werk in den USA gibt, das den dafür notwendigen Stahl herstellen kann – ein Werk, das außerdem noch einem ausländischen Konzern namens Arcelor Mittal gehört. Das war der Auslöser.

Die Sorgen drehen sich nicht nur um den Kriegsfall. Andy Grove, Mitgründer des Halbleiterriesen Intel, warnte kürzlich in einem viel beachteten Essay, Amerika habe die Fähigkeit zum Schaffen neuer Industriejobs ganz verloren. Manche Ökonomen wie der Harvard-Wachstumsforscher Philippe Aghion befürchten, dass mit der Industrieproduktion auch eine wichtige Quelle neuer Erfindungen und Entdeckungen verschwinde. Zahllose Lobbyisten in Washington und in den Hauptstädten der Bundesstaaten nutzen neuerdings die Gefahr der weiteren Deindustrialisierung Amerikas als Argument, wenn sie mehr Schutz der heimischen Industrie vor den Billiganbietern in Asien fordern.

Doch es gibt auch Experten, die den Abbau der Industrieproduktion in den Vereinigten Staaten als gute Sache begrüßen: Das sei nicht das Ergebnis eines unfairen Wettbewerbs, sondern einfach ein Zeichen der Reifung der amerikanischen Volkswirtschaft, wo statt Stahl und Videorekordern eben die Ideen und Dienstleistungen von morgen entstünden.

Der Ökonom Mark Perry von der University of Michigan hat kürzlich eine interessante weitere Meinung beigesteuert: Das Gerede von der Deindustrialisierung sei schlicht Ausdruck einer Fehldiagnose. Die Chinesen produzierten zwar mehr und mehr – sie hätten Japan und Deutschland überholt, aber die US-Industrieproduktion sei 2009 immer noch 46 Prozent höher gewesen als die in China. Nach wie vor stellt Amerika 20 Prozent der weltweiten Güter her, kaum weniger als 1990. Selbst im Vergleich zu 1970, als der Anteil noch bei 25 Prozent lag, sei der Rückgang nicht dramatisch, meint der Wirtschaftswissenschaftler.

Die Klage über den Niedergang erklärt sich Perry damit, dass sich in den Läden des Landes vergleichsweise wenige Güter "made in USA" finden – einfach deshalb, weil die Amerikaner anderes herstellen: "Wir produzieren Kampfjets, Medizintechnik und Halbleiter", sagt Perry. Die schrumpfende Zahl der Fabrikarbeiter ist seiner Meinung nach nicht das Ergebnis unfairer Dumpinglöhne in Entwicklungsländern, sondern der wachsenden Produktivität im Inland. Unternehmen könnten heute mit weniger Arbeitskräften mehr herstellen. Neue Jobs entstünden im Dienstleistungsgewerbe, "in der Landwirtschaft hatten wir eine ähnliche Entwicklung".

Einen Schönheitsfehler hat die Sichtweise Perrys jedoch. Die Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor, die an die Stelle von Jobs in der Fertigung treten, sind meist weit schlechter bezahlt. Der Ökonom John Martinez von der Midwestern State University analysierte kürzlich den Strukturwandel am Beispiel einer Gemeinde in Texas und stellte fest: In der Industrie verdienten die Leute im Schnitt 40 Prozent mehr als außerhalb des Sektors. Sein Fazit: "Trotz aller Anstrengung ist es nicht gelungen, unsere verlorenen Industriearbeitsplätze durch genauso gut bezahlte Dienstleistungsjobs zu ersetzen."