Es ist nicht einfach, Japan zu verlassen. Selbst jetzt nicht, da Tokyo von einer nuklearen Wolke erfasst werden könnte. So geht es Martin Esser, der seit zwanzig Jahren in Tokyo lebt. Er ist Chef von Porsche Japan, der einzige Deutsche unter rund sechzig Angestellten. Jetzt, da er sich entschlossen hat zu gehen, komme es ihm so vor, "als ob ich die Menschen, mit denen ich seit Jahren zusammenarbeite, die Freunde und Bekannten verrate". Nein, er hat es sich nicht leicht gemacht. Aber was sollte er tun? "Es ist unheimlich. Man kann die Gefahr nicht riechen, nicht sehen, nicht spüren." Esser wirkt nicht wie jemand, der zur Panik neigt. Doch nach langem Abwägen hat er sich zum Gehen entschlossen.

Die Krise, die jetzt Tokyo voll erfasst, schien anfangs zwar außergewöhnlich, aber doch im Bereich des Beherrschbaren zu sein. "Wir haben unsere Büros im 16. Stock", erzählt Esser, "als das Beben begann, da spürten wir sehr schnell, dass dies nicht ein normales Beben ist." Wie jeder, der in Japan lebt, hat Esser Erfahrung mit Erdbeben sammeln können. Dieses Beben war extrem. "Das Hochhaus begann zu schwanken, alle Schränke fielen um. Die Leute sprangen zum Glück schnell unter ihre Schreibtische. Es sah aus wie auf einem Schlachtfeld." Doch niemand kam zu Schaden. Japan ist auf Beben gut vorbereitet. Die Gebäude sind darauf ausgerichtet, die Menschen üben immer wieder für den Ernstfall. Nach dem Beben blickte Esser aus dem Bürofenster. "Kein Rauch, kein Feuer, alles schien normal. Wir hatten es scheinbar gut überstanden." Doch dann kamen die Bilder aus dem Norden des Landes. Hunderte Kilometer Küste waren von der Flutwelle überschwemmt – bis tief hinein ins Land. "Da begriffen wir langsam, dass etwas sehr Schlimmes geschehen war!"

Doch das Schlimmste kam erst noch. Der Reaktorunfall in Fukushima 1. "Zunächst hieß es, alles sei unter Kontrolle. Das glaubten wir auch." Am Montagmorgen aber ließ die Regierung verlauten, dass ein Behälter des Reaktors beschädigt sei. Nach und nach wurde klar, dass die Koordination zwischen Regierung und Betreiberfirma des Reaktors nicht besonders gut funktioniert.

"Die Regierung hat nicht gelogen, aber sie war darum bemüht, die Menschen mit ihrer Informationspolitik zu beschwichtigen." Das ist verständlich angesichts von mehr als 30 Millionen Menschen, die im Großraum Tokyo leben. Eine Panik wäre fatal. Die Japaner haben sich bisher sehr diszipliniert verhalten. "Ihre Gelassenheit kommt ihnen in einer Katastrophe dieses Ausmaßes sicher zugute. Sie wird bei der Überwindung der Krise nützlich sein." Esser wird das zunächst aus der Ferne beobachten. Schweren Herzens verlässt er Tokyo. Sein Wunsch: Möglichst bald wieder zurückkehren zu können.