Als ich vor 20 Jahren das bisher einzige Mal Österreich länger besuchte, beherrschte gerade die Angst vor neonazistischen Umtrieben die öffentliche Debatte. Und auch die nicht öffentliche. Und auch die Literatur. Man las Thomas Bernhard , der das Land als einzigen unausrottbaren braunen Sumpf beschrieb, bewohnt von einer Bevölkerung, die einzig aus bösartigen, falschen, bigotten, Ausländer hassenden Dumpfbacken bestand – aus Nazis eben. Überall, wo ich hinkam, warnten mich meine neuen Freunde vor dem Erstarken der nationalsozialistischen Bewegung. An der Spitze des Staates stand ein Präsident namens Kurt Waldheim , der seinerzeit sogar sein Pferd im NS-Reiterbund untergebracht hatte. Und von unten her wühlte und trommelte der ultrabraune Demagoge Jörg Haider , ein neuer Hitler gewiss.

Ich habe mich in dem Land dann sehr wohlgefühlt. Nirgends traf ich auf Neonazis. Die Österreicher erwiesen sich als ganz besonders feine, kulturbewusste, liebenswürdige und vor allem tolerante Zeitgenossen, gebildeter als die Deutschen – und höflicher.

Vergangene Woche reiste ich wieder nach Österreich. Ich verlegte meinen Wohnsitz von Berlin nach Wien. Kaum angekommen, explodierte in Japan ein Kernkraftwerk . Die Leute sprachen mit mir aber nicht darüber, sondern lieber erst einmal über den großen Rechtsruck, der das Land erfasst hatte. Es war ihnen offenbar wichtig, diese bedeutende Sache gleich zu Beginn jeden Gesprächs mit mir abzuklären. Es gab nämlich inzwischen einen Wiedergänger des Führers mit Namen H. C. Strache . Der übernehme demnächst die Macht in Österreich, und das sei wichtiger als irgendein Kraftwerk im fernen Nippon oder sonst wo.

H. C. Strache! Ein Wort wie Donnerhall! In neuesten Umfragen lag er schon bei 30 Prozent! Wie die NSDAP 1931! Er betreibe monothematische Wahlkämpfe. Sein einziger Programmpunkt sei Ausländerhass. Schon 60 Prozent der Abgeordneten seiner Partei, der FPÖ, seien Burschenschafter , also schlagende Studenten. Das sei erwiesen. Das könne gar nicht mehr rückgängig gemacht werden. Und bei allen liege sicherlich Mein Kampf unter dem Kopfkissen...

Die Erkenntnis über die Burschenschafter war wohl gerade erst bekannt geworden, jeder zweite Gesprächspartner tischte sie mir mit aufgerissenen Augen auf. Was waren das für karnevaleske Gestalten, die da angeblich demnächst in diesem Staat die Macht erringen würden? Knapp drei Promille der Studenten waren noch Mitglieder in diesen mittelalterlichen Vereinen, die anderen 99,7 Prozent lieber bei Facebook . Wenn also diese barocken Säbelträger das Parlament übernehmen sollten, war auch der übrige Dreißiger-Jahre-Zirkus denkbar: Millionenaufmärsche unter Fackeln, rollendes r bei feierlichen Ansprachen, statt Hip-Hop Marschmusik auf allen Kanälen, Blutfahne, Todeskult und so weiter. Ganz Österreich verwandelte sich in einen Kostümfilm von Bernd Eichinger : Der Untergang II – Sie sind wieder da!

Die Journalistin verwechselte einfach Nazis mit dem normalen Abschaum

Aber leider ist Eichinger tot, und auch sonst stimmt nichts an dieser gesamtösterreichischen "Und immer grüßt das Nazimurmeltier"-Paranoia. Bisher war ich jeden Abend auf Verlags- und anderen Partys. Ausnahmslos jeder Gesprächspartner überhäufte mich mit schlimmen Omen, die den kommenden rechten Aufstand ankündigten. Eine Redakteurin des Kuriers verblüffte mich sogar mit der Mail eines Arbeitslosen, der ankündigte, sich einen Revolver und fünf Patronen zu kaufen, um die soeben zur Welt gekommenen "Türken-Fünflinge" zu erschießen. Das waren süße Babys, deren Fotos gerade in den Wiener Zeitungen die Runde machten. Die Redakteurin bohrte ihren Blick in mein Gesicht: "Do schaun S’! Des is nämlich, wia’s is – de Nazis san do!"