Alte Hasen im Europabetrieb von Brüssel kennen den Trick zur Genüge, mit dem die Reporter der Sunday Times Ernst Strasser, den Delegationsführer der ÖVP-Abgeordneten, köderten: anfüttern. Schon vor über zwei Jahren begrüßten die beiden Londoner Journalisten Jonathan Calvert und Claire Newell einen einflussreichen Eurokraten zu einem verschwiegenen Treffen. Damals gaben sie vor, im Auftrag eines Geschäftsriesen aus Hongkong vertrauliche Informationen einkaufen zu wollen. Im luxuriösen Schlemmerparadies "Comme Chez Soi" plauderte dann Fritz Harald Wenig, deutscher Abteilungsleiter in der EU-Generaldirektion Handel, Dienstgeheimnisse aus. Nachdem der Enthüllungsartikel erschienen war, hatte der bis dahin angesehene Spitzenbeamte Posten und guten Ruf verloren .

Acht Monate lang fischte nun das bewährte Insight- Team der britischen Sonntagszeitung im Trüben des Europaparlaments. Diesmal behaupteten die beiden Journalisten, im Auftrag eines ungenannten Investmenthauses Änderungen in den neuen Bestimmungen der EU zur Finanzmarktregulierung erwirken zu wollen. Wie schon im Fall Wenig hatten sie vermutlich wieder britische Parlamentarier auf die Fährte potenzieller Opfer gesetzt. Insgesamt kontaktierten sie 60 Angeordnete, weniger als zehn Prozent der Mitglieder des Europäischen Parlaments. 14 zeigten sich an den Avancen interessiert. Drei bissen an: Der Rumäne Adrian Severin, der Slowene Zoran Thaler und eben der frühere Innenminister Ernst Strasser, den ÖVP-Chef Josef Pröll 2009 erst nach einem parteiinternen Machtkampf als Spitzenkandidat im Europa-Wahlkampf durchgesetzt hatte.

Vor der versteckten Kamera der Reporter verriet Strasser über Monate freizügig Details aus seiner Lobbyisten-Tätigkeit, offerierte seine Dienste für ein jährliches Honorar von 100.000 Euro und erweckte den Eindruck, sein Mandat diene ihm lediglich als Sprungbrett zu einer späteren Karriere als Vertreter fremder Interessen, bei der er sich ein für allemal finanziell sanieren würde. In der Manier eines provinziellen Großmauls redete sich der hemdsärmelige Mann für alle Fälle bei den Treffen um Kopf und Kragen. Noch vom Krankenbett aus forderte Parteichef Pröll Sonntagmorgen seinen Rücktritt.

Seit Tagen waren bereits Gerüchte über Strassers gekaufte Intervention kursiert. Die Parteispitze deckte Strasser und versuchte den schlimmen Verdacht als "Zickenkrieg" zwischen ihrem Schützling und dem Europa-Parlamentarier Othmar Karas, dem Strasser als Delegationsleiter vorgezogen worden war, abzutun. Nun gehen alle Granden auf maximale Distanz, niemand will seinen Rechtfertigungsversuchen noch Glauben schenken. Er habe, beteuert Strasser dennoch weiterhin, auf eigene Faust und ohne jemanden einzuweihen eine Intrige internationaler Geheimdienste aufdecken wollen.

Bereits im Europawahlkampf vor zwei Jahren hatten Sozialdemokraten behauptet, die "Lobbying-Maschine" Strasser trete ihren Weg nach Brüssel mit einem verzweigten Beteiligungsgeflecht an Beratungs- und Consulting-Agenturen an. Gegenüber den Reportern der Sunday Times behauptete Strasser nun, er vertrete als Parlamentarier zugleich die Interessen von fünf verschiedenen Klienten. Ob es sich dabei um Kunden jener Firma handelt, die er gemeinsam mit dem ehemaligen Frontmann des Liberalen Forums, Alexander Zach, betreibt, der im Verdacht steht, im Auftrag des Baulöwen Hans Peter Haselsteiner einige Millionen an Schmiergeldern nach Ungarn verschoben zu haben, gab er nicht preis. "Ich bin immer sehr diskret", versicherte Strasser.

"Das werden schon größere österreichische Firmen sein", glaubt Martin Ehrenhauser, der auf der Liste Hans-Peter Martin ins Europaparlament gewählt worden war: "Man kannte ja seine Firmenbeteiligungen, da muss man nur eins und eins zusammenzählen. Will mir die Familie Pröll erzählen, dass sie nicht gewusst habe, wer das ist?"

Groß geworden war der Bauernbündler Strasser als Politkommissar in der schwarzen Parteimaschine des niederösterreichischen Landeshauptmanns Erwin Pröll, der ihn 2000 auch als Innenminister in die Regierung Schüssel reklamierte. Dort machte er sich einen Namen als rücksichtsloser Karrierehelfer für Parteikumpane. Nach seinem überraschenden Ausscheiden aus dem Kabinett im Zusammenhang mit der fragwürdigen, aber bis heute ungeklärten Vergabe eines Millionenauftrages zur Errichtung eines bundesweiten Funknetzes für alle Behörden versuchte er sich in der Privatwirtschaft. Bei der Investmentfirma Vienna Capital Partners musste er bald den Hut nehmen. "Wegen mangelnden Geschäftserfolges", wurde gemunkelt. Ins Beraterfach übergewechselt, klopfte er bald überall um Aufträge an – ob tatsächlich so erfolgreich, wie er gern vorgab, darüber scheiden sich die Geister. Manche im Umkreis der ÖVP glauben, Mentor Erwin Pröll habe seinem früheren Adjutanten die Kandidatur für Brüssel ermöglicht, um dem einstmals so loyalen Gefolgsmann ein geregeltes Einkommen zu verschaffen.

Wohl nicht einkalkuliert war, dass sich Strasser auf seinem zweiten Karriereweg als Nimmersatt erweisen würde. Der tiefe Fall ihres Günstlings erschüttert nun auch die Stellung der Parteiführung. Zu lange hatte das Bauernbund-Kartell seine schützende Hand über einen der Ihren gehalten.