Es war der 13. Februar, ein Abstimmungssonntag, als Urs Wüthrich sehen musste, wie sich ein klaffender Graben in seinem schönen Baselland auftat. Das Stimmvolk des Landkantons hatte soeben das Referendum gegen die Verdoppelung der Subventionen für das Theater Basel angenommen. Man hätte jährlich acht statt wie bisher vier Millionen Franken an die Kulturinstitution, dessen Publikum zur Hälfte aus Baselland kommt, beitragen müssen. Wüthrich, sozialdemokratischer Bildungs- und Kulturdirektor, sagt: "Wegen dieser Beträge wäre der Kanton nicht in den Abgrund gefallen. Basel-Stadt bezahlt zehnmal mehr an das Theater. Aber die Botschaft, dass wir in diesen schwierigen finanziellen Zeiten nicht noch weitere Millionen nach Basel-Stadt liefern soll, hat verfangen."

Schwierige Zeiten? Jahrzehntelang sonnte sich der Landkanton, seit 1948 bürgerlich dominiert, in der Rolle des finanziellen Musterknaben. Die Steuern waren niedrig, die Standortattraktivität war hoch, das sparsame Haushaltsbewusstsein ausgeprägt. Der Stadtkanton aber "glänzte" mit einem großen Verwaltungsapparat, hohen Steuern, einer massiven Abwanderung von Besserverdienenden – und Familien, die in den "Speckgürtel" des Bezirks Arlesheim zogen. Das hat sich geändert: Während Basel-Stadt dank der Steuereinnahmen der Pharmaindustrie mittlerweile schwarze Zahlen schreibt, musste der Baselländer Finanzdirektor Adrian Ballmer im Herbst 2010 ein strukturelles Defizit von 120 Millionen verkünden. In den letzten zehn Jahren hat der Landkanton seine Ausgaben um über 500 Millionen Franken gesteigert. Und die Wunschliste von teilweise bereits bewilligten Investitionen ist lang und dreieinhalb Milliarden Franken schwer. Man hat sich also übernommen im Hauptort Liestal. "Wir planen und realisieren mehr, als wir uns leisten können. Es werden dauernd zusätzliche öffentliche Leistungen gefordert, und wenn dann die Rechnung kommt, will es keiner gewesen sein", sagt Ballmer. Und Regierungskollege Wüthrich stellt fest: "Wir sind nun in der Rolle des ärmeren Nachbars. Das schwächt das Selbstverständnis des Landkantons."

In drei Tagen sind Parlaments- und Regierungsratswahlen im Baselland. Das große Thema im Wahlkampf sind die Finanzen. Die Theaterabstimmung und der Streit um die Geldverteilung haben jedoch viel grundlegendere Fragen aufgeworfen. Die Psyche des Landkantons ist angeknackst, das Verhältnis zu Basel-Stadt und zu sich selbst kompliziert und voller Komplexe. Die Landschaft, getrennt in das ländliche Oberbaselbiet und das stadtnahe Unterbaselbiet, weiß nicht, wie sie sich zu ihrem natürlichen Zentrum Basel verhalten soll. Dem Kanton fehlt eine einigende Identität, die ohne Verweis auf die Stadt auskommt. Rund 100 partnerschaftliche Verträge existieren mit Basel-Stadt, zur Universität, zum Rheinhafen, zum Verkehr. 267 Millionen zahlt die Landschaft jährlich an die Zentrumsleistungen der Stadt, zehn Prozent des Gesamthaushaltes. Keine anderen Kantone sind so eng miteinander verbunden – und doch haben die beiden Basel nie zur Harmonie gefunden.

Die "Turnhallenkultur" der Oberbaselbieter ärgert viele

Zur Rechtfertigung dieses Missverhältnisses greift man im Allgemeinen auf die Trennungsgeschichte zurück. 1833 hat das Untertanengebiet, die Landschaft, die Truppen der aristokratisch regierten Stadt an der Schlacht auf der Hülftenschanz bei Pratteln vernichtend geschlagen. Im selben Jahr wurde die Kantonstrennung eingeleitet und das Baselbiet von der Eidgenossenschaft als eigenständiger Stand anerkannt. Damit war der Heldenmythos einer Landschaft geboren, die sich von der Stadt ihre Freiheit erkämpft hat. Dabei verläuft der Graben nicht einmal entlang der Grenze, sondern mitten durch den Kanton hindurch und weist, das hat die Theaterabstimmung mit ihrer Symbolkraft gezeigt, drei Verwerfungen auf. Agglomeration und Dorf, Reiche und Arme, links und rechts.

"Eine ländliche Kultur unterscheidet sich von einer städtischen Kultur", hieß es in einem Parlamentsvorstoß aus den Reihen der oberbaselbieter FDP und SVP, der die Regierung beauftragte, ein Kulturleitbild für den Kanton zu entwerfen. Vorschläge sind auf Nachfrage schnell zu haben: Die Landschaftskultur definiere sich über das Vereinswesen und Brauchtum, nicht über einen professionellen und "elitären" Kulturbetrieb. Und mehr als ein Drittel des kantonalen Kulturbudgets fließe bereits an die Museen, Theater, Orchester und Fördervereine der Stadt. Warum solle man das noch aufstocken?