Es gibt eine Behörde, die man nun wirklich keinem an den Hals wünscht: die Bundesanwaltschaft. Die Strafverfolger der Eidgenossenschaft können einen Verdächtigen auch ohne Prozess in die Knie zwingen. Dafür setzen sie notfalls zweifelhafte Lockvögel ein (Fall Holenweger); sie versuchen, ein völlig missglücktes Verfahren durch Anklagen in Nebenaspekten zu retten (Fall Holenweger, Fall Hells Angels); oder sie ziehen das Prozedere in eine Länge, bei der selbst eine gleichmütige Seele als geknickter Büßer enden muss (Fall Holenweger, Fall Hells Angels, Fall Behring).

Es ist also nur folgerichtig, dass Bundesrätin Calmy-Rey diese hartnäckigen wie furchtlosen Häscher nun auf Gadhafi loslässt. Fast zeitgleich mit den ersten Donnerschlägen der Operation Odyssey Dawn reichte ihr Außenministerium bei der Bundesanwaltschaft Strafanzeige ein: Die Entführung von Max Göldi und Rachid Hamdani durch das Regime in Tripolis soll endlich verfolgt werden. Noch muss der Bundesrat die Strafverfolgungsbehörde ermächtigen, aber richtig interessant wird die Sache danach: Was tut die Bundesanwaltschaft?

Sie sagt es nicht. Erkundigt man sich nach dem Prozedere, so erhält man die Rückmeldung, dass es auf hypothetische Fragen keine Antwort gebe. Und solange Gadhafi in seinem Bunker sitzt, bleibt jede Frage in dieser Causa tatsächlich enorm hypothetisch. "Eine Kultur der Straflosigkeit darf nicht toleriert werden." Mit diesen Worten erklärt ein Sprecher des Außenministeriums den Vorgang. Das unterschreibt man gewiss gern, aber es besagt wenig über die Zweckmäßigkeit der Klage. Und so bleibt angesichts des Leistungsausweises der Bundesanwaltschaft nur die Vermutung, dass die Strafe auch hier im Verfahren an sich liegen könnte. Denn selbst wenn Gadhafi einen Umsturz überleben sollte – aus dem juristischen Notenwechsel mit der Bundesanwaltschaft könnte er sich wohl bis ans Lebensende nicht mehr befreien.