Es mussten drei lange Tage vergehen, in denen die Reaktoren in Fukushima dem Super-GAU bedrohlich nahe kamen, drei Tage, in denen ein bürgerlicher Atompolitiker nach dem anderen plötzliche Zweifel an der Technologie seines Vertrauens anmeldete, drei Tage, in denen die von der Bundesrätin bewunderte deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel mehrere Atomkraftwerke vom Netz nahm – bis die Schweizer Bevölkerung endlich Substanzielles aus dem Mund der Energieministerin zu hören bekam.

Aber dann, an diesem Montag, dem 14. März, war jede Fröhlichkeit aus dem Gesicht der für ihr großes Lachen bekannten Magistratin gewichen. Doris Leuthard verkündete vor der Bundeshauspresse einen abrupten Marschhalt in der Atompolitik. Sie sistierte die Bewilligungsverfahren für die drei geplanten neuen AKWs und ordnete an, alle Anlagen sicherheitstechnisch zu überprüfen. Um gleich danach zu relativieren: "Es ist aber zu früh, um zu sagen: Wir steigen aus."

Seitdem fragt sich die Schweiz, ob die CVP-Frau hier nur ein Meisterstück der Beschwichtigung abgeliefert hat, um Zeit zu gewinnen, bis sich die allgemeine Betroffenheit wieder gelegt hat. Oder ob sie tatsächlich das wagt, was nottäte: das Land in eine Energiezukunft ohne Atomkraftwerke zu führen. Denn die Mehrheit des Volkes will raus aus dem Restrisiko. Wenn auch nicht sofort, so doch allmählich. Und die Chancen stünden gut, wenn man denn die erneuerbaren Energien wie Wasserkraft, Erdwärme, Photovoltaik und Windenergie in einer konzertierten Aktion, einer neuen "Anbauschlacht", endlich entschlossen fördern würde. Und wenn man die Abhängigkeit vom Ausland denn endlich als einen Fakt akzeptieren würde (das Uran für die AKWs stammt ja auch nicht wirklich aus der Schweiz). Und wenn man denn beim Atomstrom Kostenwahrheit herstellte. Müssten nämlich die Betreiber die volle Haftung für das Restrisiko übernehmen und auch für die Wertverluste der umliegenden Immobilien geradestehen, wäre der Strom um ein Vielfaches teurer.

Diese Frau hat eine ausgeprägte Witterung für das Opportune

Bloß, eine nachhaltige Energiezukunft braucht Zeit, und deshalb muss man sie jetzt angehen. Es liegt an Doris Leuthard. "Ausgerechnet die!", meinen Vertreter der Umwelt- und Energieverbände. Ausgerechnet die Frau aus dem Atomkanton Aargau, die bis ins Jahr 2006, also bis zu ihrer Wahl zur Bundesrätin, für 12500 Franken pro Sitzung im Verwaltungsrat der Elektrizitätsgesellschaft Laufenburg (EGL) saß, welche unter anderem Mitbesitzerin des größten AKW der Schweiz in Leibstadt ist. Ausgerechnet die Frau, die Mitglied der Lobbyorganisation "Nuklearforum" war. Ausgerechnet die Frau, von der sich die Atomlobby so viel versprochen hatte. Kurz nach dem Wechsel Leuthards ins Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK) blies Economiesuisse-Chef Gerold Bührer zum Sturm: "Es geht nicht ohne weitere AKWs. Die Verträge mit Frankreich laufen aus, und 2020 schließen zwei Schweizer AKWs. Spätestens dann brauchen wir zwei neue Kraftwerke."

Trotz aller Vorbehalte: Doris Leuthard könnte es schaffen. Denn die Frau ist ein animal politique, eine Frau mit der Witterung für das Opportune. Sie ist keine Ideologin, dazu fehlen ihr der Eifer, die Überzeugung und auch die Leidenschaft. Wer etwa nach markigen Aussagen Leuthards zugunsten der Atomkraft sucht, wird nicht fündig. Wer ihr zuhört, erkennt eine Pragmatikerin, die ihr Amt als das nimmt, was es ist: eine permanente Machbarkeitsstudie. Wie sie zum Beispiel Anfang des Monats im Ständerat das CO₂-Gesetz vertrat, das eine 20-prozentige Senkung des klimaschädlichen Gases vorsieht, das war ganz unaufgeregt und doch in der Sache beharrlich – auch wenn die kleine Kammer letztlich gegen ihren Willen eine Verschärfung des Gesetzes beschloss. Dies nahm sie zur Kenntnis, sagte bloß trocken, was es bedeutete, nämlich eine Erhöhung des Benzinpreises um 12 Rappen pro Liter. Dann verließ sie fröhlich das Gebäude.

Oder wie sie im Februar dem Land die Kostenwahrheit im privaten wie öffentlichen Verkehr ins Ohr geflüstert hat. Das gab zwar vehemente Proteste der Rechten und der Linken, die um die Freiheit des Einzelnen fürchteten, so viel herumzufahren, wie er möchte. Aber Leuthards Botschaft war ein Gebot der Stunde. Mobilität ist nun mal ein begrenztes Gut.

Doch die Bundesrätin kann in der Energiepolitik nur eine Trendwende herbeiführen, wenn sie von einer Koalition der bürgerlichen Opportunisten und der linken AKW-Gegner getragen wird. Und diese brüchige Vereinigung hat eine kurze Halbwertszeit. Dazu kommt, dass man allgemein damit rechnet, dass Leuthard nach der nächsten Legislatur, also in fünf Jahren, zurücktreten wird.

Energiepolitik zu machen ist einfacher geworden. Die Ideologen sind tot

Allgemein könnte Doris Leuthard von günstigen gesellschaftlichen Bedingungen profitieren. Die Schweiz hat sich seit den neunziger Jahren befreit von der tumben, ideologischen Unterscheidung zwischen "linkem Strom" und "rechtem Strom". Einerseits wurde die Idee der Solarenergie nicht länger als Spinnerei abgetan, Stromsparen wurde staatlich gefördert und sanktioniert, und die Pläne für Ersatz-AKWs führten nicht zu neuen Anti-Atom-Volksbewegungen. Ohne großes Hickhack konnte der Bundesrat 2007 eine Energiepolitik festlegen, in der Großkraftwerke wie AKWs als Hauptelement definiert wurden. Auf der anderen Seite führte die Schweiz beispielsweise 2008 eine CO₂-Abgabe ein, ebenfalls ohne großen Ideologiestreit.

Zuvor war die Energiepolitik Ausdruck erbitterter Gesellschaftskämpfe: Links gegen Rechts, Moskau gegen Washington, Alternativgesellschaft gegen Fortschritt. 1979 schrieb die NZZ in ihrer Kaiseraugst-Berichterstattung noch von "Alternativisten" mit "ökologisierten Gesellschaftsvorstellungen", während die Atomlobby das Schreckgespenst einer Ökofundi-Society mit Tausenden Arbeitslosen an die Wand malte. Man prüfte gar, ob das Militär gegen AKW-Demonstranten eingesetzt werden sollte.

Doch man soll auch nicht so tun, als ob plötzlich die Vernunft über alle hereingebrochen sei. Schließlich und endlich bleibt die AKW-Frage eine wirtschaftliche. Eine der Folgen von Japan wird sein, dass die Sicherheitsanforderungen an AKWs noch größer werden. Das kostet. Hoffentlich so viel, dass es sich irgendwann nicht mehr lohnt, sie zu bauen.

Damit kommen wir zurück zu Doris Leuthard. Für diesen Paradigmenwechsel braucht es eine visionäre Politikerin, die sich und andere für eine neue Energiepolitik begeistern kann. Wird sie die Kraft und den Willen haben? Wir können es uns nur wünschen.