Eigentlich hat Roger Nicholas Balsiger keine Zeit. Der britisch-schweizerische Bankfachmann sitzt im Vorstand der British-Swiss Chamber of Commerce (BSCC) und ist Honorarkonsul für das britische Vize-Konsulat in Zürich. Er ist zuständig für seine Mitbürgerinnen und Mitbürger in Zürich sowie in acht weiteren Kantonen und in den Halbkantonen der beiden Appenzell. Balsiger, ein Sir vom Scheitel bis zur Sohle, fühlt sich für sie verantwortlich, es ist ein Ehrenamt, das ihn beansprucht, auch mental.

Seine Agenda ist dicht, blickdicht, und das auch, da die Basler Uhrenmesse, die diese Woche beginnt, zum Zeitpunkt unseres Treffens vor der Tür steht. Aber weil keiner ihm Zeit schenkt, nimmt er sie sich. Woher?, man fragt ihn besser nicht, seine Gattin wird die Antwort kennen. Denn Balsiger teilt sein Leben nicht nur mit ihr und dem Vereinigten Königreich, sondern er führt ein Doppelleben seit 40 Jahren: Er widmet sich seiner Familiengeschichte, und zwar zurück bis 1805, dem Geburtsjahr seines Urgroßvaters, dem Schaffhauser Uhrenfabrikanten und Industriellen Heinrich Moser. In dessen Andenken und im Gedenken an die Leistungen seiner Nachkommen geht Balsiger auf Mission – und erinnert mit der Moser-Saga an eine ruhmreiche und pikante Schweizer Familiengeschichte.

Heinrich Moser (1805 bis 1874), der Alfred Escher von Schaffhausen, investierte große Teile seines Vermögens, das er im zaristischen Russland erwirtschaftet hatte, in seiner Vaterstadt. Er war Mitbegründer der Schweizerischen Industriegesellschaft Neuhausen (SIG), förderte die Gründung der heutigen IWC und war an der Realisierung der Eisenbahnlinie Schaffhausen–Winterthur beteiligt. Sein Husarenstück aber war der Bau eines Wehrdamms über den Rhein, des größten Staudamms der Schweiz! Damit versorgte der clevere Unternehmer die umliegenden Industriegesellschaften mit preisgünstiger Energie. Der "Moserdamm" gilt heute als Schlüssel zur Industrialisierung nicht nur von Schaffhausen, sondern der ganzen Region. An diesen rastlosen Industriepionier hält Balsiger die Erinnerung wach, publiziert wirtschaftshistorische Schriften und hält Vorträge landauf, landab.

Das eindrücklichste Zeichen seiner Passion für die Vergangenheit, die bis in die Gegenwart strahlt, heißt Charlottenfels, ist das Familienschloss der Mosers und ragt hoch über Neuhausen am Rheinfall. Charlottenfels, benannt nach Heinrichs erster Frau, ist fremd, wie aus einer anderen Welt. Es hat die Anmutung eines zaristischen Winterpalais. Heinrich Moser, zum Zeitpunkt der Fertigstellung 1854 wieder aus Russland zurück, hatte als Architekten Bernhard Simon aus St. Gallen verpflichtet. Dieser war damals einer der gesuchtetsten Baumeister von St. Petersburg.

Charlottenfels wird seit einigen Monaten mithilfe des Kantons Schaffhausen renoviert. Als Wohnmuseum ist es zugänglich. Im ersten Obergeschoss kann man sich – berühren erwünscht – inmitten von Familienerbstücken und historischen Moser-Uhren bewegen, oder man verweilt in den Zimmern der früheren Bewohnern. Etwa im Gemach von Henri, Heinrich Mosers einzigem Sohn. Und in einer kleinen Uhrmacherei atmet man die Zeit des 19. Jahrhunderts ein.

Es ist ein listiges Konzept, die Mosers ins Heute zu holen. Im Heinrich-Zimmer scheint der Meister eben erst von seinem Arbeitstisch aufgestanden, um sein Bauwerk persönlich zu inspizieren, den Rheindamm unterhalb des Anwesens. Auf dem Schreibtisch liegen Heinrichs Originalbrille, ein Originalplan des Damms, ein Fernrohr, mit dem er die Arbeiten vom Fenster aus überwacht hatte. Ein Samowar auf dem Sofatisch und auf dem Sofa ein schwarzer Schleier: Charlotte, seine erste Frau, hatte die Fertigstellung des Schlosses nicht mehr erlebt, sie verstarb kurz zuvor an den Folgen eines Kutschenunfalls.

Im Henri-Zimmer dann findet man das Gegenstück zum kühlen Genie des Vaters, hier wohnt der schwüle Orient. Morgenländische Exponate stauen sich, sie stammen von Henris Reisen. Weitere Stücke aus seiner Sammlung sind im Historischen Museum in Bern verwahrt. Henri Moser (1844 bis 1923) hatte sich dem väterlichen Zugriff entzogen und sich einen Namen gemacht als Schriftsteller und Forschungsreisender in Zentralasien. Er wurde Diplomat in den Diensten Österreichs als Regierungskommissar für Bosnien-Herzegowina. Charlottenfels, ein Familienmuseum in einem Familienschloss: Balsiger und ihn unterstützende Kräfte haben Heinrich Moser wieder an die Stätte seines Wirkens zurückgeholt. Folgerichtig ist das, denn auch die Uhrenmarke hat man neu lanciert. Man fügt Geschäft und Geschichte geschickt zusammen.

Charlottenfels ist auch ein Zeichen dafür, dass alles ganz anders hätte ausgehen können. Was wäre in Schaffhausen passiert, wäre Heinrich nicht aus Russland zurückgekehrt? Und was hätte dies für seinen Urenkel bedeutet? Es war ein Postpaket im Frühling 1969, das sein Leben verändert hat: In Händen hielt er Erinnerungsstücke seiner Urgroßmutter, Baronin Fanny Moser-von Sulzer-Wart, Mosers zweiter Gattin und Erbin. Der Absender war ihre ehemalige Buchhalterin. Sie gab den Anstoß für Balsiger, sich seinem Stammbaum zu widmen, und mit diesem ist er inzwischen verwachsen wie mit einem realen Gewächs.

Denn er ist nicht nur auf Du und Du mit Heinrich Moser, dem großen, seinem Urgroßvater, herrisch, stürmisch, ein Patriarch, und mit Henri, dessen abtrünnigem Sohn. Balsiger hat sich auch bekannt gemacht mit den weiblichen Blüten des Geschlechts, und dabei hat er die denkwürdigsten Biografien enthüllt: Baronin Fanny Moser-von Sulzer-Wart, gebürtig aus dem adeligen Stamm der Sulzer, Winterthur. Henri, ihr Stiefsohn, hatte sie des Giftmordes an Heinrich bezichtigt. Fanny sah sich darauf zur Flucht von Charlottenfels gezwungen und erwarb als neues Zuhause mit ihren Töchtern das Schloss Au am Zürichsee. Die Erstgeborene, Fanny Moser, entwickelte sich aus Widerstand gegen die Mutter zur renommierten Naturwissenschaftlerin – mit Vorliebe für parapsychologische Phänomene. Mentona Moser wiederum, Heinrichs jüngste, wurde Sozialistin. Als junge Frau arbeitete sie in den Slums von London und übersiedelte später nach Berlin. Dort unterstützte sie mit ihrem gigantischen Moser-Erbe die Kommunistische Partei.

"Unser Zweck ist, etwas zu leisten, was uns überlebt", das war Heinrich Mosers Leitspruch. Leistung ist das eine. Einer, der daran erinnert, das andere. Balsiger ist Mosers Statthalter, er ist aus seinem Fleisch und Geist.