Vergangene Woche stürmten Chinesen die Supermärkte. Alle wollten Salz. Einige zahlten das Zehnfache des Normalpreises – in dem Glauben, das darin enthaltene Jod schütze vor radioaktiven Strahlen aus dem japanischen Fukushima. Da konnten Experten noch so oft warnen, dass man so nur an einer Überdosis Salz erkranke. Das Volk, sagen Psychologen, glaube seiner Regierung bei Umweltkrisen nichts mehr. Schließlich hatte diese 2008 den Skandal um Melamin im Milchpulver verschwiegen, um die Vorbereitungen für die Olympischen Spiele nicht zu stören.

Die Katastrophe von Fukushima hat allerdings nicht nur das Volk verunsichert, sondern auch die Regierung . Nicht dass man kurzerhand wie in Deutschland alte Reaktoren abschalten will. Aber immerhin kündigte Premier Wen Jiabao vergangene Woche an, alle bestehenden und im Bau befindlichen Kernkraftwerke auf ihre Sicherheit zu prüfen. Die Genehmigung neuer Projekte ist bis auf Weiteres ausgesetzt. Seither hat auch China seine Atomdebatte. Das Land bezieht derzeit nur zwei Prozent seiner Energie aus Kernkraftwerken, die meisten Chinesen haben noch nie ein Kernkraftwerk gesehen oder Atomstrom benutzt. Doch Fukushima hat auch die Chinesen geschockt.

Umweltschutz ist in China längst ein Thema von gewaltiger politischer Brisanz . Die Verschmutzung von Wasser, Luft und Böden durch Bergbau und Schwerindustrie betrifft Städter wie Dorfbewohner und sorgt für Kopfzerbrechen bei der Staatsführung. Denn die Folgen des Raubbaus an der Natur fressen jährlich enorme Summen. Zwar verfüge China über gewaltige Devisenreserven, sagt der Vorsitzende der staatlichen China Construction Bank, Guo Shuqing, doch reichten diese bei Weitem nicht aus, die Umweltschäden so zu beheben, wie es teilweise in Europa oder Nordamerika gelungen sei. Immer wieder kommt es zu Protesten, weil Bürger verseuchtes Wasser und vergiftete Böden nicht länger hinnehmen wollen. Die Regierung kann das nicht mehr ignorieren, und sei es, weil sie ihre eigene Macht sichern will. China hat das sagenhafte Wirtschaftswachstum angetrieben, das die Natur in Geiselhaft genommen hat. Nun muss es mitten im Wachstumsboom umdenken.

Die Kernkraft spielt dabei eine gewichtige Rolle , als "saubere" Alternative zur Kohle soll sie helfen, Chinas CO₂-Emissionen zu reduzieren. Jetzt aber hat Fukushima einen Streit zwischen den Experten ausgelöst. Die Befürworter sagen: Schnell weiterbauen. Derzeit hat China 13 Reaktoren. 28 neue werden gebaut, 50 weitere sind in Planung, 110 wurden vorgeschlagen. Die neuen AKWs seien sicherer als das in Fukushima, beteuert die Fraktion der Befürworter eines schnellen Ausbaus.