Thielemann: Ich würde sagen, es ist mir angeboren. Von zu Hause habe ich andere Dinge mitbekommen: ein Gefühl für Benehmen, Essmanieren oder dass man nie zu spät kommt. Da kann ich mich an eine gewisse Strenge erinnern. Auf Kinderfotos bin ich oft mit Fliege zu sehen. An Weihnachten zum Beispiel. Da musste ich dann ein Gedicht aufsagen oder Klavier vorspielen. Das fand ich zunächst gar nicht nett. Aber irgendwann habe ich Blut geleckt.

ZEITmagazin: Weil es Sie außergewöhnlich machte?

Thielemann: Eine gewisse Arroganz war dabei, das gebe ich gern zu. Ich bekam in der Schule auch Gegenwind und wurde gehänselt, weil ich nicht so gut in Sport war. Aber einmal durften wir im Musikunterricht vorspielen. Unsereiner hat dann das Fantasie-Impromptu von Chopin gespielt. Da saßen sie alle da und haben den Mund aufgerissen. Das war ein innerer Triumph der Sonderklasse.

ZEITmagazin: Wie kamen Sie dann auf die Idee, statt Pianist lieber Dirigent zu werden?

Thielemann: Ich hatte ja von klein auf ein Faible für Farben und Klänge. So wie die Orgel faszinierte mich auch das Orchester. Und wer spielt das Orchester? Das ist der Dirigent. Schon früh habe ich in Konzerten die Leute gesehen, die da ihre Bewegungen machten. Da war mir irgendwie klar, dass ich das auch machen musste. Obwohl ich schon als Kind manche Dirigenten als lachhaft empfand, weil ich das Gefühl hatte, sie würden posieren.

ZEITmagazin: Sie waren später Assistent bei Karajan, der sich ja sehr inszeniert hat.

Thielemann: Ja, bei Karajan habe ich gelernt, dass das nicht mein Ding ist. Ich finde, dass die Bewegung zum Ausdruck bringen muss, was ich mir musikalisch vorstelle, auch wenn sie vielleicht nicht so elegant ist. Bei Karajan war das anders. Er wollte noch als Gesamtkunstwerk agieren.

ZEITmagazin: Der Dirigent Georg Solti hat einmal gesagt, in seinem Beruf müsse man auch Diktator sein. Hat Sie das auch gereizt?

Thielemann: Meine Klavierlehrerin, Frau Demmler, hatte einen hageren Herrn über dem Flügel hängen. Ich fragte: Wer ist denn das? Es war der Furtwängler. Und wie sie dann von ihm redete, da dachte ich mir: Das muss ein Halbgott gewesen sein, wenn nicht gar ein ganzer. Auch meine Mutter erzählte mir, sie habe die halbe Nacht nicht schlafen können, wenn der Furtwängler eine Brahms-Sinfonie dirigiert hatte. Und als er gestorben ist, da hätten die jungen Mädels gesagt: "Wir hören nie wieder die Neunte." Das ist der Gott der Jugend gewesen.

ZEITmagazin: Würden Sie gerne der Nachfolger dieses Gottes werden?

Thielemann: Als Jugendlicher habe ich mal eine Schallplatte bekommen, die Neunte von Schubert mit Furtwängler. Da wusste ich sofort: Das ist es, dieser dunkle Klang, diese flexiblen Tempi! Ich hatte das Gefühl, es zerrt an mir. Ähnlich ging es mir später mit Beethovens Neunter, einer Liveaufnahme von 1942. Ich dachte: Ja, so muss man Musik machen.

ZEITmagazin: Erinnern Sie sich noch an andere musikalische Momente, in denen Sie derart tief berührt waren?

Thielemann: Ja, an einige Konzerte mit Karajan. Einmal dirigierte er die Achte oder Neunte von Bruckner, ein andermal die Metamorphosen von Strauss. Beide Male herrschte nach dem Ende eine Totenstille im Zuschauerraum. Das verbinde ich mit Karajan, diese Stille danach. Das hat mich schwer beeindruckt.

ZEITmagazin: Stille – was für ein körperliches Gefühl ist das für Sie?

Thielemann: Irre. Wahnsinnig. Anspannung und Entspannung gleichzeitig. Totale Konzentration. 2003 dirigierte ich das Brahms-Requiem in Dresden. Ein Konzert zum 13. Februar, dem Beginn der Bombardements von Dresden. Das Orchester tritt auf, der Dirigent und die Solisten kommen, man verbeugt sich, aber es passiert überhaupt nichts. Am Ende dasselbe. Nur minutenlange Stille. Mir wurden die Knie weich, und ich bekam Angst, dass ich gleich umfalle. Mir läuft noch heute ein Schauer über den Rücken, wenn ich davon erzähle.

ZEITmagazin: Wie wichtig ist die Stille vor dem Konzert für Sie?

Thielemann: Sehr wichtig. Da versuche ich, immer an das Ende zu denken. Als ich einmal die Erste von Beethoven dirigierte, dachte ich an den Schluss der Neunten. Das ist aber sehr schwierig, weil man nervlich nicht jeden Abend gleich gut drauf ist. An manchen Abenden bin ich so nervös, dass ich am liebsten weglaufen würde.

ZEITmagazin: Mögen Sie auch die Stille in der Natur?

Thielemann: Ja, deshalb fahre ich so gern nach Ostpreußen. Diese uralten Alleen mit Eichen, die jemand vor 300, 400 Jahren gepflanzt hat. Da würde ich gerne wohnen. Ich sage immer etwas, das die Leute total irre finden: Bruckner ist Ostpreußen. Wenn ich über diese weiten Seen blicke, dann weiß ich, wie die Vierte von Bruckner geht. Ostpreußen ist wie diese langen Brucknerschen Generalpausen, in denen nichts passiert und eigentlich alles passiert. Auch bei Wagner findet die allergrößte Aufregung oft im Diminuendo oder in der Pause statt. Das ist ganz, ganz große Kunst. Es gibt Pausen, bei denen Ihnen die Haare vom Kopf fallen vor Spannung.

ZEITmagazin: Sie hatten große Erfolge, haben aber auch Niederlagen erlebt...

Thielemann: Weil ich Fehler gemacht habe. In Nürnberg zum Beispiel trat ich mit einem "Hoppla, jetzt komme ich!" an. Ich wollte nicht einsehen, warum es gewisse Strukturen in einem Haus gibt, sondern habe sie zerbrochen und mir dadurch Leute zu Feinden gemacht.

ZEITmagazin: Ein Fehler, den Sie heute nicht mehr machen würden?