Thielemann: Inzwischen bin ich viel gelassener. Vor zehn, fünfzehn Jahren wollte ich immer alles sofort und hörte gar nicht hin, was andere sagten. Jetzt denke ich mir: Lass die doch einfach kommen. In Wien sagte mir der alte Heinrich Hollreiser einmal: "Der größte Fehler, den junge Dirigenten machen, ist, dass sie das Orchester nicht spielen lassen." Damals war ich noch zu arrogant, um das zu verstehen. Aber der Mann hat völlig recht gehabt! Es gibt eine tolle Geschichte von Greta Garbo, die auch auf Dirigenten passt. In der Schlussszene von Königin Christine steht sie am Bug des Schiffes und schaut in die Zukunft. Bei den Dreharbeiten fragte sie den Regisseur: "Wie soll ich gucken?" – "Na, entschlossen." Man macht acht, zehn Aufnahmen, aber der Regisseur wird immer unzufriedener. Am Ende sagt er: "Greta, denk an gar nichts." Wenn Sie heute den Film ansehen, ist in diesem tollen Gesicht Entschlossenheit, Erfahrung, einfach alles drin. Genauso sage ich mir manchmal beim Dirigieren: Junge, denk an gar nichts, und lass die machen! Das ist es. Aber da kommen Sie erst hin, wenn Sie zuvor die Fehler begangen haben.

ZEITmagazin: Man muss erst reifer werden?

Thielemann: Als junger Dirigent muss man sich eben noch beweisen. Jetzt habe ich diese Profilneurose nicht mehr. Aber ich habe Verständnis für junge Leute, die über die Stränge schlagen, weil ich mich selber in ihnen sehe. Mit meiner Berliner Schnauze kann ich den Leuten dann sagen: "So, du bist ein freches Miststück, und jetzt halt den Rand!"

ZEITmagazin: Und Sie selbst – waren Sie auch so ein freches Miststück?

Thielemann: Ich war wahnsinnig frech. Wahrscheinlich bin ich deswegen aus dem Religionsunterricht geflogen. Schon in der Schule hat man mich als egozentrisch bezeichnet. Aber jetzt muss ich nichts mehr beweisen. Ich habe in Bayreuth den Ring dirigiert, ich bin so oft bei den Berliner und den Wiener Philharmonikern gewesen. Jetzt muss ich nur noch die Qualität beweisen.

ZEITmagazin: Die Qualität halten?

Thielemann: Sie halten und weiterentwickeln. Ich denke da an Pierre Boulez, der mit dieser ungeheuren Ruhe dasteht und immer so freundlich ist. Die Wiener Philharmoniker haben mir gesagt: "Wir wissen genau, was er will." Das ist toll, wenn einer das mit dem kleinen Aufwand an Bewegung hinkriegt. Das würde ich auch gern erreichen.

ZEITmagazin: Der nächste Gott?

Thielemann: Das ist ein Gott. Ganz großartig. Man muss nicht immer mit dem musikalischen Ergebnis d’accord sein. Aber diese gelassene, ruhige, freundliche Art eines Boulez – daran arbeite ich. An weiterer Gelassenheit, gelassener Freundlichkeit.

ZEITmagazin: Wenn Ihr Leben eine Komposition wäre: Welche Tonart hätte sie?

Thielemann: Einen dunklen Dur-Ton. C-Dur ist mir zu glatt, Des-Dur ist mir zu abstrakt ... vielleicht As-Dur. Denn ich habe in meinem Leben unglaublich Glück gehabt. Die Dinge, um die ich mich bemüht habe, haben oft geklappt. Nur die Dinge nicht, um die ich mich nicht bemüht habe, weil mir dafür die Zeit und die Energie fehlten.

ZEITmagazin: Wofür fehlten sie? Für die Liebe?

Thielemann: Das kann ich so nicht sagen. Sie lernen ja grundsätzlich dann Leute kennen, wenn Sie es überhaupt nicht gebrauchen können. "Greta, denk an gar nichts!"

ZEITmagazin: Hat die Liebe Sie jemals erschüttert?

Thielemann: Nö. Die Leute sagen, ich sei ein Kontrollfreak. Das bin ich nicht. Aber ich lasse es auch nicht zu, dass ich ein Spielball werde.

ZEITmagazin: Weil Sie Angst haben, dass es Sie aus den Angeln heben könnte?

Thielemann: Vielleicht. Denn ich weiß ja, dass ich Dinge ganz stark erleben kann. Daher kommt auch meine Vorsicht gegenüber Mahler. Weil ich diese Musik in genau derselben Art nachvollziehen kann wie die Fünfte von Beethoven. Aber wenn ich das tue, komme ich an einen Punkt, an dem etwas kaputtgeht.

ZEITmagazin: Was geht kaputt? Ihre geordnete Welt?

Thielemann: Ja, und das finde ich ganz schrecklich. Ich bin ein ordnungsliebender Mensch, ich bin pingelig. Bei mir müssen die Bücher auf Kante stehen. Ich brauche auch Rituale. Vor einem Konzert lege ich langsam die Manschettenknöpfe an, steige in die Schuhe, schlüpfe in den Frack. Da kommt Ruhe über mich.

ZEITmagazin: Wo brauchen Sie noch Rituale?

Thielemann: Wenn ich verreise. Ich komme gerne an, aber ich fahre ungern weg. Das ist der Grund, warum ich Orchesterreisen nicht sehr mag. Ich gehe in München, in Paris, in Dresden dann immer ins selbe Hotel, möglichst sogar ins selbe Zimmer. Das ist, als ob ich nach Hause käme. Dann ist alles gut. Es gibt Kollegen von mir, die mit zehn Koffern verreisen und sagen: Also, ich komme jetzt ein halbes Jahr nicht nach Hause. Das ist der Albtraum. Da käme ich mir vor wie der Fliegende Holländer. Ich will vor allen Dingen meine Wurzeln haben. Und diese Wurzeln liegen im Berliner Südwesten. Deshalb lebe ich auch heute noch hier. Das ist meine Heimat. Dieses behütete Elternhaus in Berlin-Schlachtensee, in dem es mir an nichts gefehlt hat, ist der Grund, warum ich so stet und bodenständig bin. Und aus dieser Bodenständigkeit schöpfe ich meine Kraft. Ich bin auch experimentierfreudig, aber ich weiß immer ganz genau, wo ich wieder hinwill.