ZEITmagazin: Träumen Sie nachts viel?

Thielemann: Ja, wild. Ganz irre. Ich träume, dass ein Kran durch meinen Garten fährt. Eine Autobahn wird über dem Haus gebaut. Ich träume von Musik und von historischen Bauwerken. Ich nahm mal im Traum an einer Führung im Potsdamer Stadtschloss teil, das im Krieg zerstört wurde. Ich hätte zu gern gewusst, wie es im Innern ausgesehen hat. Leider bin ich aufgewacht, bevor ich hineinkam. Ich kann mich in diese Geschichten so reinsteigern, dass ich vor dieser Intensität Angst bekomme. Deswegen ist es gut, wenn man aufhört, bevor es gefährlich wird.

ZEITmagazin: Sie haben viele Befürworter, aber auch viele Gegner. Warum spalten Sie die Menschen?

Thielemann: Ich glaube, ich passe in kein Raster. Das ist auch so ein Erbe von zu Hause, weil ich nie indoktriniert worden bin. Ich weiß schon, dass ich von meinem Naturell her für eine Richtung der Interpretation stehe, die einer Seite nicht gefällt.

ZEITmagazin: Wie würden Sie selbst diese Richtung beschreiben?

Thielemann: Ich bin ein liberaler Konservativer. Ich will eine bestimmte Art zu musizieren bewahren, die andere über Bord geworfen haben. Es ist diese freie und freizügige Musizierhaltung von Hans Knappertsbusch, Wilhelm Furtwängler oder Bruno Walter. Denen wird ja vorgeworfen, sie hätten alles romantisch überzuckert. Das sehe ich gar nicht so. Die trugen vielleicht noch einen Spitzkragen, hatten aber eine viel freiere und lockerere Art zu musizieren. Dagegen haben heute in der angeblich freiesten Zeit manche Leute einen musikalischen Spitzkragen und ballern uns mit Ideologien voll.

ZEITmagazin: Was begeistert Sie außer Musik?

Thielemann: Ich kann mich an allem wahnsinnig erfreuen, was mit Kunst zusammenhängt. Die Schlossgärten und -parks. Ich habe auch ein großes Faible für Friedrich den Großen, von dem ich mir gerade eine Büste gekauft habe. Was mich an ihm fasziniert, sind die Widersprüche, die auch einen Dirigenten auszeichnen: Einerseits muss er feinfühlig hinhören und kommunizieren, auf der anderen Seite muss er total feldherrenhaft sein und über Leichen gehen. Auch das preußische Rokoko hat so etwas Doppelbödiges. Ich finde den Protz und Prunk schön, aber noch mehr das Feine. Mich begeistern diese blassen Farben. Dieses Blasslila ...

ZEITmagazin: ... das Sie ja selbst tragen. Auch Rosa?

Thielemann: Ja, ich habe für solche Farben eine Schwäche. Auch in der Musik versuche ich heute, weniger mit dem dicken Pinsel zu malen. Ich denke da immer an die Marschallin im Rosenkavalier. Das ist ja so toll vom Hofmannsthal. Leicht muss man sein, mit leichten Händen nehmen und lassen.

ZEITmagazin: Wie passt diese Leichtigkeit mit Ihrer Vorliebe für den dunklen Klang zusammen?

Thielemann: Das kombiniere ich jetzt miteinander. Wissen Sie, was deutscher Klang ist? Deutscher Klang ist dunkel mit Leichtigkeit. Genau das hat den Furtwängler so einmalig gemacht.

ZEITmagazin: Seit wann sind Sie fähig zur Leichtigkeit?

Thielemann: Seitdem ich mit dem Rosenkavalier meinen Frieden machte, den ich immer viel zu langsam und viel zu bedeutungsschwanger dirigiert habe. Überhaupt, seit ich mich mehr mit Strauss beschäftige und identifiziere. Ich finde das so lustig, dass er den Ausflug ins Milieu macht, aber dann schön wieder nach Hause geht nach Garmisch, in seine Villa mit den Bierkrügen und der gestärkten Wäsche. Da finde ich mich selbst wieder. Das bin ich.