Freitag vergangener Woche, eine Büroflucht in einem Stahl-und-Glas-Gebäude der neuen Hamburger HafenCity: Die Erneuerbare-Energien-Tochter des US-Konzerns General Electric eröffnet ein Technologiezentrum für die Entwicklung von Windkraftanlagen. Dunkle Anzüge, Schnittchen, Prosecco. Niemand aus dem Unternehmen will über die Nuklearkatastrophe in Japan reden, was nicht überraschend ist, schließlich stammt das Design der Unglücksreaktoren in Fukushima von General Electric. Ob die Katastrophe der Windenergie einen zusätzlichen Schub geben könne? Auch darauf keine klare Antwort, nur so viel: Windkraft sei in Deutschland ein stabiler Markt, die Firma wolle auf ihm weiter wachsen.

Wahrscheinlich tut General Electric gut daran, vorsichtig in die Zukunft zu schauen. Schließlich hat die schwarz-gelbe Bundesregierung gerade eine atemberaubende Kehrtwende vollzogen . Sie hat sieben alte Atomkraftwerke vorübergehend geschlossen und will alle deutschen AKWs überprüfen . Keiner weiß mehr, wohin sich die Energiepolitik bewegt. Die Laufzeitverlängerung für die 17 Kernkraftwerke und das schwarz-gelbe Energiekonzept, das Angela Merkel 2010 als revolutionären Fahrplan in die Zukunft pries, sind jedenfalls Makulatur. Inzwischen fordern nicht mehr nur die Grünen den Atomausstieg , auch die Bundeskanzlerin redet vom "Ausstieg mit Augenmaß". Ihr neues Motto könnte von den Grünen stammen: "Die Energiewende vorantreiben und, wo immer möglich, beschleunigen."

Schöne Worte, nach Fukushima und vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg. Aber was bedeuten sie? Tatsächlich wird die Kanzlerin bald auf einige sehr drängende Fragen sehr klare Antworten finden müssen: Kann Deutschland auf die Atomkraft verzichten, die gegenwärtig für immerhin 23 Prozent des Stroms sorgt? Und wenn ja, wie schnell? Müssen anstelle der Kernkraftwerke klimaschädliche Kohlemeiler gebaut werden – oder kann der Umbau zu Wind- und Sonnenkraft jetzt viel rascher als geplant erfolgen? Und vor allem: Was kostet das? Bleibt Strom bezahlbar? Oder wird er zum Luxusgut?

Als am vergangenen Wochenende RWE mit Biblis A die letzte der sieben alten Atomanlagen vom Netz nahm, war eines immerhin klar: Die Lichter gehen nicht aus. Damit stellte sich ein zentrales Argument als Lüge heraus, mit dem Schwarz-Gelb die Laufzeitverlängerung der Kernkraftwerke gerechtfertigt hatte: dass nämlich die Versorgung unsicher würde, wenn man am alten rot-grünen Ausstiegsplan festhalte. Von wegen. Die sei "nicht gefährdet", ließ Wirtschaftsminister Rainer Brüderle jetzt wissen.

Brüderle hätte das schon vor dem Beschluss zur Laufzeitverlängerung sagen können. Denn es steht in seinem Bericht zur Energieversorgungssicherheit, den er zwar erst im Januar veröffentlichte, aber eigentlich schon im Sommer vergangenen Jahres hätte veröffentlichen müssen. Auch ohne längere Laufzeiten sei bis 2015 "von keinen erzeugungsseitigen Engpässen" auszugehen, heißt es da.

Das liegt vor allem daran, dass die Stromkonzerne während der Monopolära munter Kraftwerke gebaut haben. Es existieren deshalb Überkapazitäten von gut 13.000 Megawatt. Das ist weit mehr als die gemeinsame Leistung der jetzt abgeschalteten Atommeiler. Selbst wer – wie etwa das atomkritische Freiburger Öko-Institut – mit geringeren Überkapazitäten rechnet, kommt zum Ergebnis, dass sich die sieben Atommeiler durch fossile Kraftwerke ersetzen lassen. Notfalls könnten sogar bereits eingemottete Gas-, Öl- oder Kohlekraftwerke wieder aktiviert werden.

Entgegen landläufiger Meinung ginge die verstärkte Nutzung der fossilen Kraftwerke nicht einmal zulasten des Klimaschutzes. Dank des EU-Emissionshandels ist für die nächsten zehn Jahre genau festgelegt, wie viel klimaschädliches Kohlendioxid (CO₂) Europas Stromfabriken insgesamt in die Atmosphäre blasen dürfen. 2013 sind es 1,974 Millionen Tonnen, 2020 nur noch 1,720 Millionen. Ließe ein beschleunigter Atomausstieg die Emissionen der fossilen deutschen Stromfabriken wachsen, dann stiege zwangsläufig der Preis der Emissionszertifikate. Das wiederum würde irgendwo in Europa zu Emissionsminderungen führen – und zwar dort, wo es am billigsten ist. Während also Deutschland möglicherweise seine selbst gesetzten Emissionsziele nicht erreicht, würde Europa insgesamt keinen Deut mehr zum Treibhauseffekt beisteuern als geplant.