Heinrich Haasis wollte eigentlich "abschließend" nur "einige Worte" zum Verbraucherschutz im Bankenwesen verlieren. Doch dann legte der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands auf der Jahrespressekonferenz vergangene Woche los: Halbherzig seien die Bemühungen des Gesetzgebers! Bürokratischer Unsinn! Kunden bekämen Beratungsprotokolle aufgedrängt, die Banken eine völlig unverständliche Registrierungspflicht auferlegt. Man tue ja geradezu so, als würden täglich massenhaft Menschen falsch beraten!

Um die Worte des mächtigen Sprechers der größten Bankengruppe der Republik richtig einordnen zu können, muss man wissen: Haasis, ein Mann der CDU, ist erfahren im politischen Geschäft. Er besitzt nicht gerade das Naturell eines Vulkans. Aber wenn er nur vier Sätze braucht, um vom Verbraucherschutz zur Verbraucherbevormundung zu kommen, dann bedeutet das: In ihm brodelt es. So richtig.

Haasis dürfte der ganzen Branche aus der Seele sprechen. Was ihr seit der vergangenen Woche nun offiziell bevorsteht, ist die wohl umfassendste Regulierungswelle, die das deutsche Geldgewerbe je erlebt hat: Unter Tagesordnungspunkt 3 passierte am vergangenen Freitag das Gesetz zur Verbesserung des Anlegerschutzes und der Funktionsfähigkeit des Kapitalmarkts den Bundesrat.

Was so technisch daherkommt, hat ganz praktische Auswirkungen: Von Juli an gibt es zu jeder Aktie, jedem Fonds und jedem Zertifikat ein neues Papier, das sogenannte Produktinformationsblatt. Dieser Beipackzettel soll auf zwei bis drei Seiten die Funktionsweise des Produkts, seine Risiken und Kosten zusammenfassen. Außerdem wird in den kommenden 18 Monaten jede Bank dazu verpflichtet, all ihre Anlageberater an die Aufsichtsbehörde Bafin zu melden. Dort will man später auch Kundenbeschwerden erfassen, Falschberatern drohen Bußgelder oder gar ein zeitweises Berufsverbot.

Mehr Informationen für die Kunden, mehr Überwachung für die Verkäufer. Gute zwei Jahre nach der Lehman-Pleite, bei der noch Tausende deutsche Kleinsparer mit vermeintlich sicheren Zertifikaten um ihr Geld gebracht wurden, klingt das nach einer guten Nachricht für Verbraucher.

Aber schützt das Gesetz Kleinsparer tatsächlich? Außer Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner glaubt das in diesen Tagen kaum jemand. Nicht die Bankenchefs. Nicht die Bankgewerkschaften. Nicht die juristischen Fachleute. Nicht mal die Verbraucherschützer.

"Die Wucht, mit der inzwischen neue Gesetze über die Banken hereinbrechen, ist einmalig", sagt Frank Herring, auf Aufsichtsrecht spezialisierter Partner der Anwaltskanzlei Norton Rose. Längst seien die Finanzinstitute überfordert mit dem, was Finanz-, Wirtschafts- und Verbraucherministerium fordern: "Ich kenne so gut wie niemanden mehr, der da noch den Überblick behält", so Herring weiter. Natürlich habe die weltweite Finanzkrise Defizite in der Beratung offenbart. Nun sei aber eine Regulierungswelle angelaufen, bei der selbst der Gesetzgeber an seine Grenzen stoße. "Vieles ist mit der heißen Nadel gestrickt", sagt Herring. "Und nutzt so niemandem."

Beispiel Beraterregister: Die Vollerfassung aller Personen, die von Berufs wegen anderen bei der Wahl von Aktien, Sparplänen oder Lebensversicherungen helfen, stellt die Banken vor ein ganz praktisches Problem. Sie müssen die Eignung ihrer Mitarbeiter nachweisen. Was genau zur Anlageberatung qualifiziert und was nicht, das sollen die Banken selbst festlegen.