Es ist sein erster Krieg. Den afghanischen hatte Nicolas Sarkozy nur geerbt, den libyschen hingegen selbst angestrebt und begonnen . Während der georgischen Krise im August 2008 hatte der Präsident bereits den Feuerwehrhauptmann gegeben, die Rolle stand ihm gut, und nun ist er oberster Kriegsherr. Mag auch Barack Obamas Entscheidung maßgeblich für die UN-Resolution 1973 gewesen sein, Sarkozy ist es, der Amerikaner, Europäer und Araber am Samstag zum Gipfel in den Élyséepalast geladen hatte. Und während noch der Präsident und die deutsche Kanzlerin räumlich und inhaltlich getrennt voneinander zur Presse sprachen, flogen bereits die ersten Kampfjets über Libyen: französische.

Sarkozy hat zur Offensive zurückgefunden . Fast vergessen die Zeit, in der anonyme Zirkel von Militärs und Diplomaten Attacken in der Presse lancierten, die Frankreichs Gewichtsverlust beklagten. Jetzt haben Armee und Außenministerium wieder jemanden, auf den sie stolz sein können; wie weggewischt auch das Bild der Peinlichkeit, das Frankreichs Politik im Maghreb bis vor Kurzem abgab. Die Regierung weiß das Volk hinter sich, nur Marine le Pens Rechtsextremisten und ein paar Kommunisten machen eine Ausnahme.

Den ganz großen Gong bediente Premierminister François Fillon am Dienstagnachmittag, als er vor dem Parlament auftrat, legendäre Formulierungen de Gaulles benutzte und von "Frankreichs Fahne in Bengasi" schwärmte. Jetzt gebe es "nicht rechts, nicht links, sondern nur die Republik" – das allerdings war ein Giftpfeil, gezielt auf Gegner in den eigenen Reihen. Die Regierungsrechte zerreißt sich nämlich gerade selbst, nachdem ihre Partei UMP am Sonntag im ersten Gang der lokalen Wahlen ("Kantonalwahlen") hoffnungslos eingebrochen war; den Gewinn kassierte Marine Le Pen . Was soll in den Stichwahlen am kommenden Sonntag an jenen Orten geschehen, wo die Wähler zwischen dem Front National und der Sozialistischen Partei entscheiden müssen? Für Sarkozy kommt es ausdrücklich nicht infrage, die Wahl eines Sozialisten zu empfehlen – Fillon hingegen ist für diese "republikanische Stimmabgabe".

Der offene Streit hat der UMP gerade noch gefehlt. In ihr macht sich Panik breit, denn die Präsidentschaftswahlen 2012 rücken nahe – und deren Verbindung mit dem Termin für die Parlamentswahl lässt die rechte Fraktion und ihren Apparat zittern: Wird der unbeliebt gewordene Sarkozy sie in den Abgrund reißen?

"Nur ein Krieg kann ihn noch retten", das war in den vergangenen Wochen zu hören. Der ist nun da. Auf einmal gehen selbst notorische Kritiker des Präsidenten schonend mit ihm um, dessen Libyenpolitik in den vorigen Tage manche Fragen aufwarf, etwa als er plötzlich die Kämpfer von Bengasi als legitime Vertretung des Landes anerkannte. Und noch die spottlustigsten Journalisten halten sich zurück, wenn die drei Buchstaben "BHL" genannt werden: Dem Schriftsteller Bernard-Henri Levy, der in seiner Rolle als Menschenrechtsintellektueller oft peinlich überzieht, kommt nun ebenfalls die Gnade des wiedergewonnenen Nationalstolzes zugute. Ihm soll gelungen sein, Sarkozy von einer Intervention zu überzeugen, vorbei an allen außenpolitisch Zuständigen. Zugleich konnte Sarkozy auf diese Weise das Kräfteverhältnis zwischen dem Élysée und dem von einer starken Persönlichkeit geführten Außenministerium zu seinen Gunsten verändern; man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen: Außenminister Alain Juppé ist derzeit machtpolitisch schwächer als ein BHL.

Eine wirkliche Debatte über das libysche Engagement findet nicht statt. Das französische Parlament ist ohnedies nicht zuständig. Die Abendnachrichten malen Frankreichs Führungsrolle bunt aus, als sei die Koordination nicht bisher Sache der Amerikaner. Getreulich wiederholen die Medien auch die Behauptung Juppés, Frankreichs Luftschläge hätten ein Blutbad in Bengasi verhindert. Bis Anfang der Woche hatten die Kampfjets allerdings nur fünf Panzerfahrzeuge zerstört.