Operation Odyssey Dawn – Operation "Irrfahrt Morgendämmerung". In der amerikanischen Namensgebung für die internationale Militärintervention gegen Muammar al-Gadhafi schwingt schon reichlich Skepsis mit. Nach den ersten Tagen der Bombardements durch westliche Kampfflugzeuge lässt sich denn auch nur so viel sagen: Die Stadt Bengasi ist vor dem Einmarsch von Gadhafis Truppen vorerst bewahrt, der Ausgang des Bürgerkriegs bleibt ungewiss. Nicolas Sarkozy, geschmäht ob seines Schmusekurses mit arabischen Despoten, ist plötzlich der Held des arabischen Frühlings ; Amerika gibt sich als zaudernder Mitläufer, und Angela Merkel gilt nach der Enthaltung Deutschlands im UN-Sicherheitsrat als internationaler Treppenwitz dieses Frühjahrs. Bis auf Weiteres.

Das politische Theater rund um den Krieg droht die Frage nach dessen Legitimation und Legitimität zu verdecken. Ist das ein gerechter Krieg, der da vergangene Woche mit Resolution 1973 im UN-Sicherheitsrat beschlossen wurde? Weniger sein Beginn als sein Ende wird darauf eine Antwort geben.

Wohl selten war eine internationale militärische Intervention politisch und völkerrechtlich so weitreichend abgesichert wie der Krieg in Libyen. Die Rebellen, die gegen Gadhafi kämpfen, haben um Hilfe gebeten. Die Arabische Liga, bemerkenswert genug, hat dem Eingreifen ihren Segen gegeben . China und Russland haben sich bei der Abstimmung im Sicherheitsrat enthalten, statt ihr Veto einzulegen gegen eine multilaterale Intervention, deren humanitäre Intention viel klarer ist als die Verbindung zu irgendwelchen nationalen Interessen der Koalitionäre. Das ist umso erstaunlicher, als Resolution 1973 so weit geht wie kein anderer UN-Beschluss zuvor. Erlaubt werden ja nicht nur die Errichtung einer Flugverbotszone über Libyen, sondern "alle notwendigen Maßnahmen", um "Zivilisten und von Zivilisten bewohnte Gebiete zu schützen". Damit ließe sich wohl auch der kurzfristige Einsatz von Bodentruppen stützen, explizit ausgeschlossen wird nur die Entsendung einer Besatzungstruppe. Für die Vereinten Nationen ist das ein revolutionärer Schritt. Zum ersten Mal wird mit humanitärer Begründung eine internationale Intervention in einen Bürgerkrieg zugelassen. Mehr noch: Einige der nun Krieg führenden westlichen Länder verstehen darunter auch die Option des regime change, obwohl dies im UN-Mandat nun ausdrücklich nicht formuliert ist.

Was also ist Resolution 1973? Ein "wichtiger Sieg" für die Doktrin der "Schutzverantwortung" der internationalen Gemeinschaft, wie Romeo Dallaire behauptet, der kanadische UN-General, der in Ruanda 1994 vergeblich ein Eingreifen zum Stopp des Völkermords gefordert hatte? Oder ein Sündenfall von "völkerrechtswidrigem Völkerrecht", weil hier ausgerechnet der Sicherheitsrat ohne ausreichenden Grund das Gewaltverbot zwischen Staaten außer Kraft setzt? Gadhafi, so die Kritiker, sei schlimm, aber nicht schlimm genug, um ein militärisches Eingreifen mit zivilen Opfern zu rechtfertigen. Schon gar nicht an der Seite Aufständischer, die im Fall ihres Sieges womöglich selbst blutig Rache üben.

Schön ist die Welt, die klare Drehbücher für Krieg und Frieden schreibt. Aber die gibt es leider nicht. Nach dem Konzept der "Schutzverantwortung" – wohlgemerkt keine völkerrechtlich verbindliche, sondern eine "sich herausbildende" Norm – kann sich die internationale Staatengemeinschaft, um schlimmste Menschenrechtsverletzungen zu verhindern, über die Souveränität eines Staates hinwegsetzen und intervenieren. Vorausgesetzt, der Ernst der Bedrohung, die Redlichkeit der Motive und die Verhältnismäßigkeit der Mittel lassen es zu. Vorausgesetzt, alle anderen Mittel sind vorher ausgeschöpft. Vorausgesetzt, man macht die Lage durch das Eingreifen nicht schlimmer. Ist Gadhafis Feldzug gegen die eigene Bevölkerung ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit? Wahrscheinlich. Will man lieber warten, bis man es genau weiß? Lieber nicht. Stellt er eine Bedrohung des internationalen Friedens dar? Allerdings, schon allein wegen der Fragilität der ganzen Region. Wurden alle nicht militärischen Mittel ausgeschöpft? Nein, aber um die Wirkung von Sanktionen abzuwarten, war es für die Menschen in Bengasi zu spät. Sind die Kampfeinsätze dieser Koalition der Willigen verhältnismäßig? Bislang vermutlich ja. Aber es hat womöglich schon zivile Opfer gegeben, und wenn nicht, wird es sie wahrscheinlich geben. "Chirurgisch präzise" Militärschläge kommen nur im Lehrbuch der Propaganda vor. Und allein aus der Absicht, durch Anwendung von Gewalt Schlimmeres zu verhindern, erfolgt keine verbriefte Unschuld derer, die diese Gewalt anwenden oder befürworten. Aber trotzdem bleibt dieser Kriegseinsatz nach allem, was wir wissen, fürs Erste richtig und gerecht.

Fürs Erste? Ja, auch ein völkerrechtlich legitimierter und legitimer Krieg kann jederzeit in ein Desaster und in Unrecht münden.