Seit das Restrisiko Realität wurde , seit dem 11. März, wirken die meisten Argumente der Atomkraft-Anhänger nicht mehr. Auch die Warnung des Wirtschaftsministers Brüderle (FDP), der Ausstieg koste die Stromkunden viel Geld, verhallt zurzeit ungehört. Einfach weil niemand gern die Frage, ob man für 60 Euro weniger im Jahr so etwas wie Fukushima in Kauf nehmen würde, mit einem klaren Ja beantwortet.

Wer aktuell etwas gegen den Ausstieg aus der Atomkraft vorbringen möchte, muss sich daher ein Feld außerhalb von Reaktorsicherheit und Ökonomie suchen. Dieses Feld ist die Massenpsychologie, die These lautet: Deutschland will jetzt nur deshalb so schnell aus der Atomkraft aussteigen, weil es von Hysterie, Hypochondrie und Selbstmitleid getrieben ist, kurzum von German angst.

Die Symptome, die den neuerlichen Ausbruch dieser Volkskrankheit belegen sollen, sind der Kauf von Jodtabletten, die in Radiosendungen diskutierte Frage, ob man denn nun noch Sushi essen und Jasmintee trinken darf, die Mitleidlosigkeit gegenüber den Japanern sowie die blitzschnelle Kehrtwende der Regierung in der Ausstiegsfrage nebst sofortiger Abschaltung von sieben Meilern. Letzteres tue die Regierung lediglich aus Angst vor der Angst der Wähler vor der Atomkraft, German angst in Potenz mithin.

Nun ist es so, dass die Jodtabletten auch in Kalifornien und in Teilen von China ausverkauft sind und dass es zum Ausverkauf von welchen Tabletten auch immer kaum mehr braucht als die üblichen nachrichtensensiblen Hypochonder, das heißt: eine kleine Minderheit. Dass journalistisch viel Aufhebens um die Frage gemacht wird, was der Unfall für uns, für mich und für Oma Erna bedeutet, ist in den letzten Tagen üblich geworden, ein vielleicht bedauerliches, aber gewiss internationales Phänomen. Gerechterweise muss man hinzufügen, dass hierzulande mit Abstand die meisten Zeitungszeilen und Sendeminuten auf die Katastrophe selbst verwendet werden. Einfach weil die Leute sich dafür brennend interessieren. Es gibt zudem eine große Spendenbereitschaft unter den Deutschen, und das, obwohl Japan nicht nur sehr weit weg, sondern auch sehr reich ist. Von Gefühllosigkeit kann also nicht die Rede sein.

Nüchtern betrachtet bleibt nur ein einziges spezifisch deutsches Symptom: Während einige Länder, wie Frankreich, sich in ihrem Atomkurs kaum irritieren lassen, andere, wie China oder die USA, sich lediglich eine Denkpause auferlegen, wird in Deutschland schon gehandelt, das dreimonatige Moratorium gilt dabei ohnehin nur als Farce, der drastisch beschleunigte Atomausstieg scheint beschlossene Sache.

Judy Dempsey, die Berlin-Korrespondentin der amerikanischen Herald Tribune, wusste diese Woche denn auch sogleich: "Es ist kulturell. Es ist die Furcht vor Risiko." Da könnte man zurückfragen, ob ein Land, das unternehmerisch auf der ganzen Welt so erfolgreich ist, wirklich risikoscheu sein kann. Und ob es die USA in den letzten Jahren bei Häuserkauf und Derivatehandel mit dem Risiko nicht ein klein wenig übertrieben haben.

Dennoch bleibt beim Thema AKWs die Frage: Sind die Deutschen so schnell, weil sie so ängstlich sind ? (Wir lassen hier die Tatsache außer Acht, dass unter Umständen auch das Fehlen von Angst auf eine psychische Störung zurückgehen kann, das sollen die Franzosen beizeiten unter sich klären.)

Ohne Zweifel hat es so etwas wie German angst immer mal wieder gegeben, die Angst vor dem Waldsterben, vor Tschernobyl, vor Kriegen, vor Rinderwahn und dergleichen war hierzulande oft stärker als anderswo. Auch lässt sich das Phänomen historisch gut begründen. Es hat zu tun mit der Mittellage Deutschlands, mit der späten Nation, mit der grüblerischen Philosophie. Und mit dem Dunklen, das in den Deutschen steckte oder steckt und das sich nirgendwo so furchtbar gezeigt hat wie im Holocaust. Oft genug haben die Deutschen Grund gehabt zur Angst vor anderen, mehr aber noch vor sich selbst – und um sich selbst. Die wehleidige deutsche Logik lautete: Uns darf nichts Schlimmes passieren, sonst passiert vielleicht wieder etwas Schlimmes. Oder: Wer uns Angst macht, der sollte Angst vor uns haben.