Uschi hat den Button gepostet, Analía sogar einen mit japanischen Schriftzeichen gefunden – binnen weniger Tage hat bei Facebook die Seite mit dem Sonnen-Logo aus den achtziger Jahren mehrere Hunderttausend Fans versammelt. " Atomkraft ? Nein danke" ersetzt im Sozialen Netz derzeit viele Profilbilder. Parallel steigt die Zahl derer, die zu Strom aus erneuerbaren Energieträgern wechseln, sprunghaft an. Die Bundesregierung von Union und FDP, die im vergangenen Herbst noch die umstrittene Laufzeitverlängerung für deutsche Kernkraftwerke durchsetzte, hält auf einmal inne. Und die Umfragewerte der Grünen erleben einen neuerlichen Höhenflug : Bundesweit käme die Anti-Atomkraft-Partei derzeit laut Demoskopen auf rund 20 Prozent der Wählerstimmen – und in Baden-Württemberg , wo die Bürger am kommenden Sonntag über ihren Landtag und ihre Regierung entscheiden, kann sie sogar auf stolze 25 Prozent hoffen.

Deutschland, ein Land auf Ökomission? Bereits vor einigen Monaten schrieb die amerikanische Wirtschaftszeitung Wall Street Journal süffisant, dass die Deutschen nach Nationalsozialismus und Kommunismus endlich eine Ideologie entdeckt hätten, mit der sie sich der Welt als Gutmenschen präsentieren könnten. Die Zukunft, so schien es schon damals, würden zumindest in Deutschland jene bestimmen, die das Land und seine Wirtschaft auf grüne Technologien trimmen. Siemens kündigte an, 2014 mehr als 40 Milliarden Euro seines Umsatzes mit umweltfreundlichen Technologien bestreiten zu wollen (nach zuletzt 28 Milliarden Euro). Die Bundesregierung erklärte Deutschland zum "Leitmarkt" für Elektromobilität. Selbst der Kaffeeröster Tchibo nahm Ökostrom aus norwegischen Wasserkraftwerken ins Sortiment, das ansonsten von Kaffeebohnen und Freizeitkleidung sowie von Kochutensilien dominiert wird.

Fukushima , diese neue Chiffre des Schreckens, scheint all das nur zu bestätigen, ja zu beschleunigen. Doch wie "grün" ist Deutschland wirklich? Jenseits von Facebook-Buttons und Absichtserklärungen bei der Frage, wen man wählen würde, wenn nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre. Stimmt es, was Klaus Burmeister sagt? "Die ökologische Bewegung der achtziger Jahre ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen", ist der Gründer von z-Punkt, einem Kölner Beratungsunternehmen für strategische Zukunftsfragen, überzeugt. "Die Sehnsucht der Menschen nach nachhaltigen Wirtschaftsformen und neuen Maßstäben für Wachstum und Wohlstand ist so ausgeprägt wie nie zuvor. Sie lässt sich nicht mehr bremsen." Die eigene Gesundheit, soziale Verantwortung und Umweltschutz bestimmten heute die Kaufentscheidungen vieler Konsumenten.

24 Millionen Passagiere nutzten 2010 das Flugzeug – innerhalb Deutschlands

Erste Zweifel an derlei Einschätzungen können einem kommen, wenn man sich eine Blitzumfrage in der Düsseldorfer Fußgängerzone vor Augen führt, die Mitarbeiter der TV-Sendung Hart, aber fair in diesen Tagen des neuen Atomstreits durchgeführt hatten. Worauf sie bei einem Ausstieg aus der Kernenergie verzichten würden, um Energie zu sparen, wurden die Bürger gefragt. "Auf den Toaster." Bei Spülmaschine oder Wäschetrockner geriet der gute Wille bereits ins Wanken.

Weitere Nahrung erhalten die Zweifel, wenn man zum Beispiel das Flugverhalten der Deutschen betrachtet. Ob Frankfurt, München oder Düsseldorf – im Minutentakt heben die Maschinen ab. Kaum gab es im vorigen Jahr die ersten Anzeichen, dass Deutschland die Wirtschaftskrise schneller als gedacht hinter sich lassen würde, stieg auch schon wieder die Zahl der Fluggäste. Zwischen Januar und Dezember 2010 zählte das Statistische Bundesamt 71 Millionen Passagiere, die eine Reise ins Ausland antraten. Das waren 3,8 Millionen mehr als 2009 – und ein neuer Höchststand. Innerhalb Deutschlands waren 24 Millionen Menschen mit dem Flugzeug unterwegs. Gut, die Maschinen kommen ohne Atomkraft aus – das in Massen verbrauchte Kerosin ist aber ebenfalls in hohem Maß umweltschädlich.

Auch die Premiumhersteller unter Deutschlands Autofirmen melden Rekorde. Viele der verkauften Wagen sind für Schwellenländer wie China bestimmt, klar. Doch in Deutschland dürften die Unternehmen im vergangenen Jahr allein 20 Milliarden Euro mit Firmenwagen umgesetzt haben, so die Einschätzung des Autoexperten Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen. Die steuerliche Begünstigung von Dienstwagen beflügelt den Absatz: Die Unternehmen können die Kosten für Anschaffung und Unterhalt als steuermindernde Betriebsausgaben veranschlagen – vergleichbar mit Löhnen und Gehältern. Zudem erstatten die Finanzämter die Umsatzsteuer zurück.

"Zwischen dem Bewusstsein und dem Sein klafft eine gewisse Lücke", resümiert Jochen Flasbarth, Chef des Umweltbundesamtes. Es sind – so hat sein Haus herausgefunden – sogar häufig die vordergründig besonders umweltbewussten Bürger, die die Natur am stärksten belasten. Der Grund: Die Gruppe der Besserverdiener, die Ökostrom bezieht, Bioprodukte kauft und den Müll vorbildlich trennt, hat auch mehr Geld als ärmere Bevölkerungsgruppen – und das gibt sie gern für Flugreisen, Autofahrten und größere Wohnungen aus.