Die "beste Schutzmauer Japans" wurde sie genannt, die "große Mauer von Taro". 30 Jahre lang lebten die knapp 5000 Bewohner des Küstenstädtchens Taro in der Präfektur Iwate hinter dem zehn Meter hohen, drei Meter breiten und über zwei Kilometer langen Tsunami-Schutzwall aus Stahlbeton mit einer eigens entwickelten strömungsresistenten Oberfläche. Hinter ihm fühlten sich die Menschen sicher. Zu sicher, wie sich am 11. März 2011 zeigen sollte.

"Der Tsunami war fast doppelt so hoch wie die Mauer", sagt Giichi Kobayashi. Das Haus des 76-jährigen Fischers stand direkt dahinter. Jetzt ist es verschwunden – wie Zehntausende andere entlang dem über 200 Kilometer langen Küstenstreifen in Nordostjapan, den die Welle überspült hat. "Als ich das Erdbeben spürte, flüchtete ich auf die Mauer", berichtet Kobayashi. "Aber dann sah ich den riesigen Tsunami heranrollen und rannte auf einen Hügel." Das hat ihm das Leben gerettet, viele seiner Nachbarn blieben im Ort und ertranken. Der alte Fischer befürchtet: "Vielleicht fühlten sie sich durch die Mauer zu gut geschützt."

Trotz all der Verheerung, die das Wasser entlang der Küste angerichtet hat, sind die meisten Experten überzeugt, dass sich kein Land weltweit besser gegen Erdbeben und Tsunamis gewappnet hat als Japan . Umso aufschlussreicher dürften nun die Lehren sein, die sich aus der gewaltigen Katastrophe ziehen lassen. Welche Maßnahmen, fragen sich auch in Deutschland die Geologen und Hydrologen, haben sich in dieser extremen Situation bewährt, welche haben versagt? Waren die Such- und Rettungsarbeiten gut organisiert? Haben die japanischen Evakuierungspläne , hat die Versorgung der Opfer funktioniert?

Bislang sind weder alle Toten und Verletzten gezählt, noch ist die Zerstörung an Gebäuden und Infrastruktur ermittelt. Aber man weiß, dass zumindest eine häufig verbreitete Feststellung nicht zutrifft: dass "große Teile Japans" betroffen seien. Die japanische Geospatial Information Authority (GSI) hat errechnet, dass 400 Quadratkilometer vom Tsunami verwüstet worden sind. Die Wasserwalze und nicht das Beben ist für fast alle Todesfälle und den Großteil der Schäden verantwortlich. Noch sind laut GSI nicht alle Satellitenaufnahmen ausgewertet, und die Schätzung mag ungenau sein – aber 400 Quadratkilometer, das wären weniger als 0,1Prozent der Landesfläche.

Klicken Sie auf das Bild, um die Weltkarte der Erdbebengefahr herunterzuladen © Anne Gerdes/ZEIT Grafik

Auch der Eindruck einer flächendeckenden Zerstörung trügt. Einfach deshalb, weil Reporter ihre Kameras auf die Schutthaufen des Küstenstreifens richten. Würden sie ihre Geräte um 180 Grad drehen, könnten sie – trotz des Jahrhundertbebens – vielerorts intakte Gebäude und Straßen filmen.

"Wir werden noch sehr viel aus diesem Beben lernen", sagt der Geologe Andreas Küppers vom Geoforschungszentrum Potsdam. Er hat viele Jahre für den geologischen Dienst in Tokyo gearbeitet. Nirgendwo auf der Welt gebe es ein dichteres Netz an seismischen Sensoren, Bojen und Pegeln. Nirgendwo sei die Bebengefahr bis hin zu jedem einzelnen Straßenzug so genau analysiert. Und: "Kein Tsunami ist jemals so gut dokumentiert worden."

Allein entlang der Küste sind 500 GPS-Empfänger installiert, die Erdbewegungen registrieren. Schon die erste Auswertung ihrer Messdaten führte zu einer aktuellen Warnmeldung: Das enorme Beben hat nicht nur den gesamten Archipel gen Osten verschoben , sondern auch seine Ostküsten um bis zu 1,20 Meter in den Pazifik sinken lassen. Seit dem Tag des Bebens zeigen die Pegel der Präfektur Fukushima fälschlicherweise einen um 45 Zentimeter höheren Meeresspiegel – tatsächlich ist die Insel um diesen Wert aus der Horizontalen gekippt. Die Schräglage verschärft nicht nur die Tsunami-Gefahr. Japans Meteorologischer Dienst (JMA) warnt: Auch Springfluten werden künftig deutlich höher auflaufen.