Brecht hat einen japanischen Stoff zu einer Serie von Lehrstücken verarbeitet. Es handelt sich um ein altes Noh-Spiel: Ein Knabe muss über einen heiligen Berg steigen, um für seine Mutter Medizin zu besorgen; er schließt sich einer Gruppe pilgernder Mönche an. Unterwegs wird er krank, damit unrein; der Große Brauch verlangt, dass er über die Felsen gestürzt wird. Nach einer herzbewegenden Szene willigt er ein, und die frommen Männer werfen ihn in den Tod.

Brecht geht es um die Begründung eines Opfers in der Vernunft: In zwei Lehrstücken sagt der Sohn einmal Ja dazu, einmal Nein. Im dritten Anlauf, der Maßnahme, stimmt der junge Genosse, aus dialektischer Einsicht, seiner Opferung zu: Sie soll durch die Langzeitperspektive des Sozialismus gerechtfertigt sein. Damit kommt Brecht auf den japanischen Ausgangspunkt zurück: Säuberung als Glaubenssache. Seit dieser Glaube abgestürzt ist, stellt sich die Frage angesichts der Atomkraft nicht weniger dringlich. Welche Opfer verlangt ihr fortgesetzter Gebrauch, von wem, und mit welchem Recht? Wenn wir sie selbst opfern müssen – was bezahlen, was bekommen wir dafür? Oder ist die Atomkraft ein Schicksal, zu dem wir uns längst selbst verurteilt haben? Wenn eine Umkehr dennoch machbar wäre: Wer macht sie, und können wir sie uns leisten?

Fukushima als Lehrstück? Zuerst imponiert es als absurdes Theater, mit allen Ingredienzien der Tragödie: Verblendung auf der Bühne, Horror und Mitleid im Zuschauerraum. Dieser hat globale Dimensionen angenommen, mit der paradoxen Eigenschaft, dass man überall gleich nahe am Geschehen ist, wenn auch nicht überall gleich weit davon entfernt. Aber in der Sache, unfassbar, wie sie ist, machte es keinen Unterschied, ob man sie an einem Großbildschirm in Shinjuku verfolgt, einem Handy in New York oder einem Fernseher in Sibirien. Was die Bilder zeigen: Auf engstem Raum, in kürzester Zeit türmt sich eine beispiellose Katastrophe auf die andere und verdeckt sie, wenigstens für die mediale Wahrnehmung. Ein Seebeben der Stärke 9 vor der Nordostküste der japanischen Hauptinsel verschiebt diese um zwei Meter und löst eine hundert Kilometer lange Sturzwelle aus, die von einer dicht besiedelten Gegend nur eine Trümmerwüste übrig lässt und nebenbei auch die Zugänge zu den Überlebenden verschüttet, die, von aller Zivilisation verlassen, in einem prähistorisch anmutenden Notstand vegetieren. Binnen Stunden ist ihr Elend keine Nachricht mehr, denn der Tsunami hat beiläufig die Stromzufuhr eines AKWs lahmgelegt; nun fehlt es, zur Verhinderung der Kernschmelze, an nichts dringender als an jenem Wasser, von dem es gerade noch mehr als genug gab.

Die nächsten Szenen haben sich weltweit eingebrannt. Es hat in der Mediengeschichte wohl nie eine längere Einstellung gegeben als die auf eine fahle Werksilhouette, die vor einem leeren Horizont schon wie am Rand aller Dinge liegt. Expertenrunden mutmaßten über das, was sie zu erkennen glaubten. Sagten sie alles, was sie wussten, wussten sie immer, was sie sagten? Sie orakeln über jede Wolke, die den Blöcken entsteigt, es ist die Travestie einer Papstwahl: weißer Dampf oder schwarzer Rauch? Was schlimmer wäre, können einem Sinne und Verstand nicht sagen, nur noch der Geigerzähler. Unterdessen laufen die fünfzig anderen AKWs Japans weiter, man muss beten, dass sie es tun, um ein schwer getroffenes Land mit dem Nötigsten zu versorgen: Strom.