Bevor Andreas Reisch die Tür des Klinkerbaus öffnen und vor der beißenden Kälte flüchten darf, greift er zum Telefon. Am Gehäuse des altertümlichen Sprechapparats frisst längst der Rost. Reisch tippt die Zahlen 2, 2, 2, 3 ein und wartet. Als der Pförtner sich meldet, ruft Reisch in die Muschel: "Wir gehen jetzt rein."

Der Thorium-Hochtemperatur-Reaktor 300 (THTR) in Hamm-Uentrop ist geschützt wie ein Hochsicherheitstrakt. Wer hineingeht, wird überprüft. Bevor jemand seinen Fuß ins Reaktorgebäude setzt, muss er erneut mit der Zentrale des Kraftwerksgeländes telefonisch Rücksprache nehmen – sogar wenn es sich um Reisch handelt, der hier seit 27 Jahren seinen Arbeitsplatz hat: "Seit der Phase der nuklearen Inbetriebnahme."

Als Reisch anfing, 1983, war er einer von 250 Technikern, Ingenieuren und Verwaltern. Noch herrschte Aufbruchstimmung in der Branche. Kurz danach ging der Kraftwerksprototyp von Hamm-Uentrop ans Netz – begleitet von der Hoffnung auf Sicherheit. Denn diese Art KKW besitzt keine Brennstäbe, nur dick mit Grafit ummantelte Urankügelchen. Im Notfall – so heißt es – geht ein Reaktor dieses Typs nicht in die Luft, sondern aus wie ein erschöpfter Ofen.

Schon 1988 wurde Hamm-Uentrop nach vielen kleinen Störfällen endgültig abgeschaltet. Insgesamt hat der Reaktor keine zwei Jahre lang Strom produziert. Heute reichen zweieinhalb Planstellen, um die Betreuung aufrechtzuerhalten. Der 55-jährige Reisch dient in seiner letzten Arbeitsdekade als eine Art Wächter. Sein Meiler ist eine Ruine, stillgelegt vor der deutschen Wende.

Wie viele Menschen in Deutschland leben im direkten Umkreis von Atomkraftwerken? Bitte klicken Sie auf das Bild, um zur interaktiven Grafik zu gelangen © ZEIT ONLINE

Die halbe von den zweieinhalb Stellen hat Günther Dietrich inne. Er begleitet an diesem Tag seinen Kollegen Reisch auf dem täglichen Kontrollrundgang. Dietrich ist 65 und im Prinzip im Ruhestand. Aber sein Amt als Geschäftsführer der Betreiberin, der Hochtemperatur-Kernkraftwerk GmbH (HKG), hat er behalten. Schließlich gebe es, sagt er, "nur noch wenige, die die Anlage überhaupt kennen".

Dietrich ist Naturwissenschaftler durch und durch: strenge Fliege, klare Antworten. Er ist mit der Anlage besonders gut vertraut. Der Entwickler des Hochtemperaturreaktors war sein Doktorvater. Der deutsche Physiker Rudolf Schulten hatte am Forschungszentrum Jülich klein angefangen. 15 Megawatt leistete der dortige Versuchsreaktor. In Hamm stiegen die Forscher auf Anwendung um. Sie erhöhten die Leistung auf das 20-Fache.

Bei der Revision im Herbst 1988 kamen Mängel ans Licht. An der Wärmeisolierung der Heißgaskanäle waren 35 Befestigungsbolzen abgerissen. Dazu die politische Stimmung – "Atomkraft? Nein danke" . Bund, Land, Betreiberin und Gesellschafter konnten sich nicht über die weitere Finanzierung des Kraftwerks einigen, dessen Kosten explodiert waren – lange bevor es im Herzen des Reaktors zum ersten Mal köchelte. Der THTR wurde nicht wieder hochgefahren. Im Herbst 1989 beschlossen die Beteiligten die Stilllegung und die "Überführung in den sicheren Einschluss".

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Die KKW-Katastrophe in Japan hat die Debatte um Ausstieg oder Laufzeitverlängerung neu entfacht. Die Frage, die sich aufdrängt: Was tut man mit unnütz gewordenen Atommeilern? Welche Stilllegungsstrategie ist die beste? Sollten deutsche Kernkraftwerke abgeschaltet werden, blüht ihnen dasselbe Schicksal wie der Hammer Ruine. Auch sie werden nicht sofort abgerissen. Solange die Endlagerfrage in Deutschland ungeklärt ist, gibt es für verstrahlte KKW-Kadaver nur einen möglichen Aufenthaltsort: Sie bleiben, wo sie sind – vorerst. Solange Gorleben und Schacht Konrad nicht zur Verfügung stehen, die übrigen Zwischenlager kaum noch Platz haben und keine Alternativen geschaffen sind – so lange ist der THTR das Paradebeispiel dafür, was mit einer Atomanlage getan werden kann, wenn die Leistung endgültig heruntergefahren wird.

Sowohl der direkte Abbau als auch der sichere Einschluss bedürfen laut Atomgesetz einer Genehmigung. Heute sind 17 Anlagen stillgelegt. Neben Hamm-Uentrop befindet sich das Kernkraftwerk Lingen im sicheren Einschluss. Wie diese beiden werden wohl viele andere Kernspaltveteranen zunächst nur teilweise entrümpelt und die Brennelemente und Kühlmittel zwischengelagert oder entsorgt. Der verstrahlte Rest bleibt in den Reaktorgebäuden. Diese werden zu einer Art Zwischenlager umfunktioniert – bis Jahrzehnte später eine Behörde über deren endgültiges Schicksal entscheidet.

Reisch und Dietrich sind die Verwalter des Hammer Reaktorfriedhofs. Vier Milliarden Mark hatte der THTR gekostet – eines der größten Verlustgeschäfte der deutschen Energiebranche. Heute kostet der Unterhalt noch drei Millionen Euro im Jahr, der bevorstehende Abriss dürfte weitere 350 Millionen verschlingen.

Reisch öffnet die Tür, plötzlich piept es schrill. "Das ist die Öffnungsüberwachung der Tür. Der Pförtner am Haupteingang erhält eine Meldung und kann nun erkennen, dass wir die Anlage betreten haben", sagt Reisch und schaltet den Signalton ab. Als das Piepen aufhört, wird es still. Nur wenig erinnert daran, dass hier einmal einer der größten Kraftorte Deutschlands lag.

Der Fahrstuhl ruckelt los, es geht aufwärts. Während die nackte Betonwand des Liftschachts vorbeizieht, erzählt der Geschäftsführer im halben Ruhestand, dass das Kraftwerk politisch gewollt war, eine "Anlage im öffentlichen Interesse". Die damals regierende SPD in Nordrhein-Westfalen war überzeugt von der Atomenergie. Das war natürlich vor der Kernschmelze im Block 2 von Harrisburg (1979) , vor der Explosion im Block 4 von Tschernobyl (1986) . Baubeginn war am 3. Mai 1971, und damals faszinierte die Idee, erzählt Dietrich, dass die Energiezukunft von NRW gemeinsam von Kohle und Kernenergie gesichert werden sollte. Das K-und-K-Konzept wurde auch räumlich umgesetzt. In Hamm-Uentrop dampfen neben dem stillgelegten KKW die alten Kühltürme der fossilen Energieerzeugung.

Der Fahrstuhl stoppt, die beiden Männer stoßen in 39 Meter Höhe die Tür zur Plattform auf. In diesem riesigen, von schwachen Funzeln beleuchteten Raum geht der Blick noch einmal 35 Meter hinauf zum Dach der Reaktorhalle. Dort in der Finsternis hängt wie eine lauernde Spinne der gelbe 100-Tonnen-Kran, mit dem einst die sechs Dampferzeuger in die Behälter hinabgelassen wurden. Erwecken wird die stählerne Tarantula so leicht keiner. "Die Kabel zur Stromversorgung des Krans sind gekappt", sagt Reisch.