Bloß nicht triumphieren. Eine Woche vor der wichtigsten Landtagswahl dieses Jahres laden die Grünen zu einem kleinen Parteitag nach Mainz, dessen Hauptziel die Entkräftung des Vorwurfs zu sein scheint, man sonne sich angesichts der Atomkatastrophe in Fukushima im Gefühl des Rechthabens. In auffällig vielen Reden fallen Formulierungen wie "Wir können nur beten". Wo man früher gegen Atommafia, Konzerne und Atomstaat wetterte, warnt man heute leiser vor "menschlicher Hybris". Gleich am Eingang steht ein Altar aus weißen Rosen und Kerzen. Die Versammlung erhebt sich zur Gedenkminute mit japanischen Lautenklängen. Eine Delegierte fühlt sich an den Roman Der Herr der Ringe erinnert, in dem ein einzelner Mensch unter der Last keucht, die Welt ändern zu sollen – bis eine Stimme ertönt: "Wer, wenn nicht du?" Die Grünen befänden sich genau in dieser Lage.

Winfried Kretschmann , der wichtigste Hoffnungsträger der Grünen seit Joschka Fischer, hat sich diesen Teil der Veranstaltung geschenkt. Retrokitsch liegt ihm nicht. Als er dann mittags auftaucht, begrüßt man ihn mit tosendem Applaus als "den künftigen Ministerpräsidenten des Landes Baden-Württemberg". Routiniert geht es bei ihm gegen die Atomwende der CDU, gegen den früheren Ministerpräsidenten Erwin Teufel, der noch "jedes Windrad persönlich bekämpft hat" und für "eine Politik des Gehörtwerdens" – und schon sitzt er wieder in seinem schwarzen Wahlkampfbus. Kann es sein, dass ein engagierter Christ und Naturliebhaber wie Winfried Kretschmann kein Problem damit hätte, von einer atomaren Katastrophe an die Macht gespült zu werden?

Antiatomkraft ist für Kretschmann eine "Zivilreligion" der Grünen

Auf der Fahrt zum nächsten Auftritt in Karlsruhe grübelt er über diese Frage. Er ist erschöpft; eine solche Achterbahnfahrt wie diesen Wahlkampf, mit dem Hoch im letzten Herbst bei Stuttgart 21, dem Tief Anfang des Jahres und nun der nächsten Volte – das hat er noch nie erlebt. Letzte Umfragen vor der Wahl am kommenden Sonntag sehen die Grünen wieder vor der SPD; mit 25 Prozent für die Grünen und 22 Prozent für die SPD hätte Winfried Kretschmann tatsächlich die Chance, 58 Jahre CDU-Herrschaft mit einem Knall zu beenden. Seine Antwort auf das moralische Dilemma ist ein gewisser Fatalismus. "Als Christ sage ich: Erfolg ist Gabe und Geschenk. Ich habe es letztlich nicht in der Hand. Genauso wenig wie das Scheitern", sagt er, den Blick auf die vorbeischwebenden Täler und Höhen der Bergstraße geheftet. Die Skepsis gegenüber der Kernkraft, das sei für Grüne so eine Art "Zivilreligion". Er sieht keinen Grund für Demutsgesten angesichts der Katastrophe.

Der 62-jährige Gründervater der baden-württembergischen Grünen ist der Angstgegner der CDU schlechthin . Wie sollte es auch anders sein: Mit dem Protest gegen Stuttgart21 im Rücken und nun einer Atomkatastrophe, vor der die Grünen seit jeher gewarnt haben – wer wollte da Kretschmann noch stoppen? Amtsinhaber Stefan Mappus versucht, sich dieses gefährlichen Gegners zu entledigen, indem er Kretschmann rhetorisch aus seiner Partei herausbricht, ihn mit Komplimenten geradezu enteiert. "Das ist ein ganz feiner Kerl", sagt der Ministerpräsident in einer ruhigen Minute am Telefon. Wie oft habe er zu ihm gesagt: "Winfried! Du bisch kei Grüner." Ein CDU-Staatssekretär ging so weit, das Gerücht zu verbreiten, Kretschmann sei zu alt und zu krank, um die Geschicke der Grünen tatsächlich weiter zu führen. Deshalb werde an seiner Stelle schon bald "der Özdemir" die Geschicke der Partei in Baden-Württemberg bestimmen. "Der Özdemir" – das ist ein Echo aus dem Hessen-Wahlkampf, wo die CDU seinerzeit vor "Al-Wazir und Ypsilanti" warnte. Kretschmann drohte deshalb bei einer Fasnachtsfeier in Meßkirch scherzhaft, er werde nach seiner Machtübernahme umgehend eine Moschee errichten. Dort, wo Heidegger geboren ist und man seit Menschengedenken CDU wählt, hatte er die Lacher auf seiner Seite.

Aber stimmt es denn? Ist Winfried Kretschmann eigentlich ein Konservativer, der sich in die falsche Partei verstolpert hat?

Er ist seit vierzig Jahren verheiratet. Mit der Lehrerin Gerlinde Kretschmann, Mutter seiner drei Kinder, lebt er im Bauernhaus ihrer Eltern im kleinen, ereignisarmen Laiz bei Sigmaringen, wo er auch Mitglied im Kirchenchor und im Schützenverein ist. Kretschmann war Schützenkönig (Lang- und Kurzwaffe) und Mitglied in der katholischen Studentenverbindung Carolingia (nicht schlagend). Wenn er einem die Hand drückt, einen aus hellen Augen unverwandt anschaut und von der Angst spricht, die ihm die Feindseligkeiten rund um Stuttgart21 auch bereitet haben, die Irrationalität und der Antiparlamentarismus auch in den Reihen der Parkschützer – dann sitzt einem eine geballte Ladung republikanischer Ernst gegenüber, das schon. Aber wann hat man sich daran gewöhnt, so etwas konservativ zu nennen?

Wenn man Winfried Kretschmann fragt, warum es gerade die Grünen sein mussten, damals 1979, dann überlegt er keine Sekunde: "Aus Liebe zur Natur, einer emphatischen Liebe zur Natur." Auf der Schwäbischen Alb "kenne ich jeden Felsen", sagt er ohne Lächeln; hier geht es nicht um ein ulkiges Hobby.