11. März: Das große Beben

Sapporo. Ich lese gerade ein Buch, als ich die Erschütterung spüre. In Japan gibt es jeden Tag Dutzende kleiner Erdbeben, deswegen denke ich mir nichts dabei. Ich schalte den Fernseher ein und erwarte, dass sie darüber berichten wie immer. Aber es läuft eine Spezialsendung, und der Moderator sagt: "Es hat ein riesiges Erdbeben gegeben, das Epizentrum liegt nördlich der Präfektur Miyagi. Ein Tsunami wird kommen, Anwohner an der Küste sollten ihre Wohnung so schnell wie möglich verlassen!"

Meine Heimatstadt Sapporo liegt 630 Kilometer nördlich von dem Katastrophengebiet. In Miyagi habe ich viele Freunde, da ich in der Hauptstadt Sendai studiert habe. "...die seismische Stärke in Nordmiyagi beträgt 7", höre ich den Moderator sagen. Mir wird schlecht. Sofort schicke ich Textnachrichten an meine Freunde in Miyagi. "Geht es dir gut?", frage ich einen Freund, der in der nördlichen Hafenstadt Kesennuma lebt. "Ich dachte, ich sterbe", antwortet er. Nebenbei kommen laufend schreckliche Nachrichten aus anderen Teilen des Landes: Brände in Tokyo, eine Explosion in einer Chemiefabrik in Chiba, ein Kühlproblem in dem Atomkraftwerk von Fukushima. Draußen wird es dunkel. Ich kann nur noch weinen.

12. März: Angst um meine Freunde

Die Zeitung heute ist sehr dünn, denn es gibt keine anderen Nachrichten außer denen über das Beben, den Tsunami und Fukushima: Das Kühlproblem im Kernkraftwerk droht zur Nuklearkatastrophe zu werden. Offiziell wird bestätigt, dass 133 Menschen gestorben sind und 530 Menschen vermisst werden. Ich glaube das nicht.

Ich habe Angst um meine Freunde in Miyagi – leben sie noch? Ich traue mich nicht, sie anzurufen. Die Verbindung funktioniert nur wenige Stunden am Tag. Mir bleibt nichts übrig, als zu warten.

In der Innenstadt von Sapporo ist alles normal, die U-Bahnen fahren, die Menschen gehen einkaufen, das Wetter ist schön. Es fühlt sich falsch an. Schnell fahre ich wieder nach Hause, um Nachrichten zu schauen. In Fukushima hat es eine Explosion gegeben.

13. März: Der Preis

Meine Eltern und ich beschließen, den Fernseher abzustellen. Wir fahren zum Supermarkt, wie so oft am Sonntag. Es ist sehr voll. Wasserflaschen sind ausverkauft. Junge Eltern decken sich mit Windeln und Milchpulver ein. Alle haben Angst. Ich auch. Ich frage mich, ob der Preis für unseren Lebensstil nicht zu hoch ist. Japan ist ein reiches Land, in dem große Geschäfte jeden Tag 24 Stunden geöffnet sind und die neuesten technischen Geräte verkaufen. Aber brauchen wir das alles? Das Beben und der Tsunami waren Naturkatastrophen. Die Katastrophe in Fukushima ist von Menschen gemacht. Ich war schon immer gegen Kernkraft in Japan, weil wir so viele Erdbeben haben. Aber offiziell spricht niemand über die Risiken – bis jetzt nicht.

14. März: Tepco

Wir haben beschlossen, den Fernseher doch wieder einzuschalten. Die Tokyo Electric Power Company (Tepco), die den Reaktor in Fukushima betreibt, gibt widersprüchliche Informationen heraus. Der Strom aus Fukushima ist nur für Tokyo und die umliegenden Präfekturen bestimmt. AKWs stehen dort nicht. Am liebsten würde ich meinen Freunden in Tokyo sagen: Wenn ihr so viel Energie verbrauchen müsst, baut doch ein AKW in eurer Gegend!

Die japanischen und internationalen Medien berichten jetzt vor allem über die Brände in den Blöcken 1 bis 4 des AKW in Fukushima, für die Opfer des Tsunami und des Erdbebens interessieren sie sich weniger. Auf Facebook bekomme ich viele Nachrichten von Freunden aus Deutschland, Italien und den USA. Sie fragen mich, ob es mir gut geht.

15. März: Die uninformierte Regierung

Die Regierung hat zusammen mit Tepco ein Krisenzentrum eingerichtet. Vier Tage nach dem Erdbeben. Nun kommt heraus, dass die Firma der Regierung nicht immer die Wahrheit gesagt hat. Unser Premierminister Naoto Kan hat von der ersten Explosion in Fukushima aus dem Fernsehen erfahren. Die Strahlenbelastung um das AKW ist inzwischen so hoch, dass die Bewohner aus der direkten Umgebung evakuiert werden. Die Einwohner im Umkreis von 20 bis 30 Kilometern sollen das Haus nicht verlassen. Wir wissen gar nicht mehr, was wir noch glauben sollen. Die Regierung klingt optimistisch. Zu optimistisch.

Später am Tag bekomme ich eine Einladung zu einer Abschlussparty. Am Ende der E-Mail schreibt mein Bekannter: "Es fühlt sich irgendwie unangemessen an, eine Party zu feiern, während so viele Menschen leiden..." Ich bin nicht die Einzige, die sich schuldig fühlt, weil sie gerade ein ganz normales, friedliches Leben in Japan führt.