Die ganze Literaturlandschaft ist – angeblich – ein riesengroßer Friedhof, auf dem viele Grabsteine herumstehen. Alle möglichen Dinge sind schon gestorben: der Autor, Gott, der Roman, der Diskurs vom Menschen, die Geschichte, die klassische Erzählung, die Ästhetik, ja am Ende starb sogar der Tod selbst. Aber das war alles, Gott sei Dank, gelogen. Zumindest in einem gewissen Sinn, denn die Antwort auf den Tod des Romans oder der klassischen Erzählung war nicht – wie man hätte meinen können – ein Zeitalter kunstvoller Nekrophilie, sondern: ein neuer Roman, eine neue Erzählung. Die Kunst verhielt sich in diesem Punkt also, überraschenderweise, wie das Leben selbst.

Die Erzählungen des amerikanischen Autors Tobias Wolff sind tatsächlich solche, die man als klassisch bezeichnen könnte – eine Form, die relativ strengen Gesetzen gehorcht und, wie Kurt Vonnegut in einem Interview einmal bemerkte, im Grunde so artifiziell und unnatürlich ist wie eine barocke Sestine oder ein Sonettenkranz. Als könnte ein kleiner Ausschnitt aus einem Leben, ein Tag oder eine einzelne bedeutungsvolle Geste – "Sie nahm sich von seinen Möhren, und das war das. Sie waren ein Gespann." (aus Der Kuss) – tatsächlich jemals so viel Gewicht in einem Leben besitzen, dass es seine erzählerische Essenz bildet.

Jaja, schon wahr – aber doch gibt es keine einzige dieser zutiefst klassischen Erzählungen, keine einzige Seite im ganzen Buch, die nicht überraschend, witzig und berührend wäre, jeder Dialog ist mit tiefster, respektvollster Menschenkenntnis geschrieben, sogar eine auf den ersten Blick melodramatisch oder kitschig erscheinende Plot-Idee wird mit einer derart heiteren Ernsthaftigkeit bis zu ihrem Ende verfolgt, dass man beim Lesen bisweilen in jenen reinen Erlebnis-Modus verfällt, bei dem die Augen vollkommen vergessen, dass sie Buchstaben und Wörter entziffern. Es gibt nicht viele Schriftsteller, die diesen Eindruck erzeugen können. Die Erzählungen der meisten Gegenwartsautoren liest man heute so, wie man in der Kindheit Fahrrad gefahren ist: mit Stützrädern. Dies ist nur eine Geschichte. Und du weißt, dass es eine Geschichte ist, und ich weiß, dass du weißt – und so weiter, Sie kennen ja die Melodie.

Aber hin und wieder begegnet man einem Meister wie Tobias Wolff, der übrigens in Stanford, Kalifornien, Creative Writing lehrt und beispielsweise imstande ist, die reuevolle Heimfahrt eines Vaters, der seinen Sohn gerade in einer Militärschule abgeliefert hat (Nachtigall), auf eine Weise zu erzählen, die einem unendlich vertraut und klassisch vorkommt, aber gleichzeitig verblüffend und wunderbar riskant: Die Landschaft hinter den Windschutzscheiben nimmt allmählich die Gesichtszüge des möglicherweise für immer verlorenen Sohnes an. Selbstmitleidig, hilflos und ohne brauchbare Landkarte fährt der Vater, im grellen Bewusstsein der großen, unverzeihlichen Lüge, aufgrund deren er seinen Sohn aus der Familie fortgeschafft hat, mitten in dieses Gesicht hinein.

Der 66-jährige Tobias Wolff ist im Bereich der erzählenden Prosa vielleicht der größte Experte für die Kunst des Lügens. Lügner und die Parallelwelten, die sie erfinden und ängstlich verwalten – das ist das Schlüsselloch, durch das er das Universum betrachtet.

Schon sein autobiografischer Roman Das Blaue vom Himmel (1989) handelte von dem Versuch, in der Kindheit ein großes, wackeliges Lügengebäude aufrechtzuerhalten. Und im Roman Alte Schule (2003) gibt ein Schüler bei einem Wettbewerb, dessen Preis ein Treffen mit Ernest Hemingway ist, einen Aufsatz, den in Wirklichkeit jemand anders geschrieben hat, als seinen eigenen aus. Er tut dies nicht aus Berechnung, sondern weil ihm nach wiederholter Lektüre der fremde Aufsatz wie die vollkommenste Abbildung seiner intimsten Empfindungen und Gedanken erscheint, wodurch die Lüge also zu einem Akt der Wahrhaftigkeit wird – und die Geschichte selbst zu einer Parabel auf die kommunikativen Zauberkunststücke, zu denen Literatur fähig ist.