Präskriptum: Die folgende Rezension wurde geschrieben, als Fukushima noch ein unbekannter Name war. Das hat sich in wenigen Tagen geändert. Seither kann man die atomaren Großkatastrophen und Kapitalverbrechen mit einer neuen Formel benennen: Hiroshima und Nagasaki, Tschernobyl und Fukushima. Eingebrannt haben sich die Bilder einer kollabierenden atomaren Risikogesellschaft. Sie zeigen, wie eine sogenannte Naturkatastrophe zu einer technischen Katastrophe mutieren kann. Diese Mutation ist die desaströseste Form der atomaren Kettenreaktion.

Die atomare Risikogesellschaft hat sich ihre eigenen, ebenso prägnanten wie zynischen Metaphern geschaffen. Auf einem durch und durch instabilen, bebenden Grund will sie den stabilen technischen Fortschritt installieren. Die Risikominimierung überlässt sie den statistischen Regeln der Unwahrscheinlichkeit. Nichts will sie davon wissen, dass, was eintreten kann, irgendwann einmal auch eintreten wird. "Murphy’s Law" hält sie für einen guten Witz. Ihre Hazardspiele nennt sie "Sicherheit". Ihre Unbelehrbarkeit feiert sie als nicht hysterische Rationalität. Die "alarmistischen" Phobien überlässt sie immer den anderen.

Doch jetzt muss sie, wenn auch keineswegs zum ersten Mal, die bittere Erfahrung machen, wie sehr sie sich mit ihren Hochrechnungen verrechnet hat. Man kann aber getrost die Prognose stellen: Nach den atomaren Schreckenstagen von Fukushima wird die atomare Risikogesellschaft so bald wie möglich weitermachen wie bisher. Nur dass sie ein paar Menschenopfer mehr gebracht hat, deren Zahlen und Geschicke sich im gnädigen Dunkel der Statistiken verlieren.

Allerdings, welch ein Unterschied zu den Menschenopfern, von denen im Folgenden zu sprechen ist: Die frühen Experimentatoren setzten ihr eigenes Leben, ihre eigene Gesundheit aufs atomare Spiel. Später wird diese noble Zurückhaltung nicht mehr geübt werden. Mangel an Mut kann man den Pionieren der atomaren Risikogesellschaft nicht nachsagen. Die menschliche Haut beispielsweise haben sie früh als radioaktives Zwischenlager genutzt. Der erste dokumentierte Selbstversuch mit Radioaktivität, im Herbst 1900, ist dem unerschrockenen Zahnarzt Otto Walkhoff zu danken. Er legt ein eingekapseltes Radiumpräparat auf einen seiner Unterarme und bestrahlt ihn zweimal 20 Minuten lang, worauf sich seine Haut entzündet. Der Braunschweiger Chemiker Friedrich Giesel wiederholt den Versuch unverzüglich über zwei Stunden mit erhöhter Dosis. 14 Tage später hat er eine sehr heftige Hautentzündung mit einem Blasigwerden und Abstoßen der Oberhaut wie nach einer Verbrennung. Im Pariser Laboratorium des Ehepaars Marie und Pierre Curie reagiert man sportlich ehrgeizig: Pierre Curie bringt es auf zehn Stunden Bestrahlungszeit. Das danach entstehende Wundmal ist sehr viel eindrucksvoller als die deutschen Narben. Die freiwilligen Märtyrer der Wissenschaft zeigen ihre Wundmale.

Aber man mag sich auch nicht immer auf sich selbst beschränken. Giesel experimentiert mit Pflanzen und keimfähigen Blumensamen, die dabei zerstört werden. Marie Curie wird ein zweites Mal schwanger. Aber deswegen mag sie ihre Arbeit im Strahlenlabor nicht einschränken. Sie weiß noch nicht, dass die daraus resultierende Fehlgeburt höchstwahrscheinlich mit der Radiumstrahlung zu tun hat. Noch heute sind die Notizbücher der beiden Curies so stark kontaminiert, dass sie in Bleikisten aufbewahrt werden müssen. Am 4. Juli 1934 stirbt Marie Curie an einer rätselhaften Blutkrankheit, die von den Ärzten als Folge des exzessiven Umgangs mit radioaktiven Stoffen gedeutet wird.

Die Beispiele stammen aus Hubert Manias Buch Kettenreaktion. Die Geschichte der Atombombe. Sie zeigen eine für den Fortschritt der Wissenschaften offenbar unabdingbare Bereitschaft bis zur Tollkühnheit, noch unbekannte Risiken in Kauf zu nehmen. Die Experimentatoren leben ständig über ihre Verhältnisse. Und das gilt immer mehr für die weiteren Phasen des Atomzeitalters.