Die Gewerkschaft habe ihn um seinen Job gebracht, sagt Uwe Schult. Von Beruf ist Schult Lokführer, und als die Deutsche Bahn vor gut zehn Jahren in Mecklenburg-Vorpommern ankündigte, Personal zu entlassen, war Schult Anfang 30 und damit zu jung für den Sozialplan. Den hatte die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) mit dem Bahnkonzern ausgehandelt. Um seine Chancen zu verbessern, ließ sich Schult zum Zugbegleiter umschulen. Die Bahn überlegte, ihn doch zu behalten, aber da machte die Gewerkschaft nicht mit. "Die GDL hat gesagt: Das war mit uns nicht abgesprochen, das geht so nicht", so erzählt es Schult heute.

Schult wurde arbeitslos – und trat aus der Gewerkschaft aus, nachdem die GDL ihn auch nicht unterstützt habe. Seit rund acht Jahren arbeitet Schult nun bei der Ostdeutschen Eisenbahn (Odeg). Die Odeg wurde 2002 in Süd-Mecklenburg gegründet, heute betreibt sie auch Strecken in Berlin, Brandenburg und Sachsen. Sie beschäftigt 240 Mitarbeiter, setzte 2009 rund 70 Millionen Euro um und erzielte einen Jahresüberschuss von knapp 700.000 Euro. Sie gehört zu je 50 Prozent der Prignitzer Eisenbahn und der Hamburger Benex, einer der sechs großen Privatbahnen im Nahverkehr. Bis Ende Januar hat die GDL mit dieser Allianz über einen Flächentarifvertrag verhandelt und die Gespräche dann abgebrochen. Seither stehen die Zeichen auf Streik.

In den vergangenen Wochen haben die Lokführer den Schienenverkehr immer wieder lahmgelegt. Auch auf einigen Odeg-Strecken in Berlin und Brandenburg fielen Züge aus. Die GDL-Kollegen sagen zu Schult: "Wir streiken auch für euch." Schult sagt: "Die streiken doch vor allem für sich selbst."

An diesem Vormittag fährt Schult den gelben Odeg-Zug mit den grünen Streifen von Hagenow Land nach Parchim in Süd-Mecklenburg, vorbei an Feldern und Weiden. In einem Wäldchen schneiden Arbeiter die Äste zurück, damit die Lokführer freie Sicht haben. Als Schult ein Regionalzug der Deutschen Bahn entgegenkommt, grüßt er mit einem kurzen Lichtzeichen. "Eine ehemalige Kollegin", sagt er.

Die GDL nennt die Odeg gern als Beispiel, um ihren Arbeitskampf zu rechtfertigen. Sie sagt, die Privatbahnen trügen den Wettbewerb mit der Deutschen Bahn im Nahverkehr auf dem Rücken ihrer Angestellten aus. Die Odeg zahle ihren Lokführern bis zu 30 Prozent weniger Lohn als die Bahn. "Das stimmt nicht", widerspricht Odeg-Geschäftsführerin Ute Flügge. Ein Lokführer, der bei der Odeg anfange, verdiene im Monat mit Zulagen 2120 Euro statt 2448 Euro, dem Bruttogehalt der Deutschen Bahn, also rund 13 Prozent weniger. Dafür beginne und ende sein Dienst aber immer am selben Ort, er bekomme alle Pausen bezahlt und müsse keine geteilten Dienste fahren, also beispielsweise vier Stunden am Morgen und vier am Abend. Bei der Deutschen Bahn dagegen sind Lokführer im Güter- oder Fernverkehr oft tagelang unterwegs, häufig auch im Ausland.

Diese Vorteile zählt auch Uwe Schult auf, wenn er die Arbeitgeber Deutsche Bahn und Odeg vergleicht. Seine Frau und er könnten besser planen, wer sich wann zu Hause um den neunjährigen Sohn kümmere. Trotzdem gibt er zu: "Am Anfang war das schon ein Einschnitt." Knapp 600 Mark im Monat weniger habe er bei seinem Wechsel zur Privatbahn verdient. "Über die Jahre habe ich mich langsam wieder hochgearbeitet", sagt Schult.