Wer die Stiftung für Konkrete Kunst in Reutlingen besucht, tut gut daran, über einen der umliegenden Provinzbahnhöfe in einem überfüllten Regionalzug anzureisen. Nachdem man sich aus dem verschwitzten und verklebten Menschenknäuel herausgewunden hat, von einem Mob verwahrloster Tauben attackiert worden und schnellen Schrittes dem nihilistischen Bahnhofsviertel entronnen ist, wird man vielleicht besser verstehen, was Künstler seit dem frühen 20. Jahrhundert dazu bewogen hat, eine Kunstform zu entwickeln, die eine puristische, selbstbezügliche Welt für sich bilden sollte. Konkrete Künstler, so schrieb Theo van Doesburg 1930 in seinem Manifest Grundlagen der konkreten Malerei, seien "auf der Suche nach der letzten Reinheit" und lehnten selbst die abstrakte Malerei als unzureichend ab: "Konkrete Malerei also, keine abstrakte, weil nichts konkreter, nichts wirklicher ist als eine Linie, eine Farbe, eine Fläche." Als wollte die 1987 gegründete, in einem alten Fabrikgebäude beheimatete Stiftung unterstreichen, dass bei ihr die Sphäre des existenziellen Mischmaschs endet, erfolgt der Einlass nur per Klingel.

Über drei Stockwerke des Klinkerbaus verteilt, zeigt der Stiftungsvorsitzende Manfred Wandel Werke aus seiner 35-jährigen Sammlertätigkeit. Oben die temporären Ausstellungen, unten das Depot als Schaulager, in der Mitte die ständige Sammlung. Darin befinden sich Klassiker wie Günther Ückers Nagelreliefs, Bernard Aubertins monochrome Spachtelbilder oder Anton Stankowskis systematische Farbstudien, aber auch weniger bekannte Arbeiten von Margarete Dreher, Georg Karl Pfahler, Franka Hörnschemeyer oder John Nixon. Man begegnet hier zum Glück nicht dem morbiden Snobismus des Museums Villa Panza im italienischen Varese, wo monochrome Malerei auf barocke Pracht trifft und die inhaltliche Offenheit der Konkreten Kunst nur mehr die Offenheit des Kapitals spiegelt. In Reutlingen stellt das industrielle Flair die hochfliegenden Visionen, die sich gerade in der Frühphase mit der Konkreten Kunst verbanden, zurück auf den Boden der Tatsachen. Max Bill hätte das sicherlich goutiert – und tatsächlich besuchte er die Stiftung mehrere Male. Ein paar seiner Werke sind geblieben.

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Zum wohltuend profanierten Eindruck tragen nicht nur die legeren Bierbänke vor den Bildern bei, sondern auch Wandels gelungene Vermittlungsarbeit. Der dezent auftretende ältere Herr führt die Gäste gern persönlich durch sein Reich, das auch eine chronologisch geordnete, interdisziplinäre Bibliothek enthält. Im Kontext der Sammlung wirken die langen Regale voller brauner Pappschuber fast selbst wie konkrete Kunstwerke. Anstatt in das gefühlte erhabene Murmeln der Worte einzustimmen und den Besucher mit Elogen auf die Kraft des Konkreten zu umnebeln, geht Wandel lieber von jenen Details aus, die ein unbedarfter Blick zunächst übersehen würde. Er berichtet vom jeweiligen historischen Entstehungszusammenhang der vordergründig so homogen anmutenden Werke, verweist auf ihre variierenden theoretischen Grundlagen von Wahrnehmungspsychologie über Aleatorik bis hin zu Philosophie, und plötzlich erinnern die Konkreten eher an Ikonen: Sie erscheinen als reduktionistisch designte Eintrittspforten, hinter denen eine illustre Geheimgesellschaft tagt, die sich in ganz unterschiedlichen Sprachen verständigt.

Zwar schrieb Wandel einmal über die Arbeiten von Nikolaus Koliusis, er schätze dessen Konkrete Kunst deshalb, "weil die Arbeiten unabhängig von Raum und Zeit sind und unabhängig von der Betrachtung der Menschen existieren". Doch spielt eine solche ahistorische Sicht aus kuratorischer Perspektive erfreulicherweise keine Rolle. Vielmehr setzen Wandel und seine Geschäftsführerin Gabriele Kübler auf unkonventionelle, dynamische Präsentationsmodi und arrangieren die Exponate immer wieder neu: "Eine Stiftung ist keine statische Museumsarchitektur, sondern wenn es gelingt, die Räume lebendig zu nutzen, die Ware vielfältig zu vernetzen und im besten Sinne damit umzugehen, dann ist schon viel erreicht", heißt es in einem Katalogtext der Stiftung.

Während derzeit Künstler wie Jonas Burgert mit schrillen Farbakkorden die alten Gassenhauer der Kulturkritik anschlagen, ertönt in der Reutlinger Sammlung gleichsam eine kontemplative Symphonie der Minimal Music. Sicherlich ist das in gewisser Hinsicht eskapistisch und "langweilig". Aber wie schrieb schon Walter Benjamin: "Wenn der Schlaf der Höhepunkt der körperlichen Entspannung ist, so die Langeweile der geistigen." In ihrer Geschichte hat die Kunst für so manches herhalten müssen. Mal war sie Machtsymbol, mal Ware, mal Religion, mal Revolution, mal Dekoration, oft alles zugleich. Wenn sie an Orten wie der Stiftung für Konkrete Kunst tatsächlich ein wenig den übersäuerten Geist der Leistungsgesellschaft massieren könnte, wäre schon etwas gewonnen. Zugleich stellt die Sammlung eine, mit Hegel gesprochen, "List der Vernunft" dar: Gerade die vorgeblich purifizierte Konkrete Kunst konnte sich wirksamer als alle heroischen Avantgarden mit dem Leben vermählen – "die Ware vielfältig zu vernetzen..." Anton Stankowskis wohl erfolgreichstes Werk hängt nicht in Reutlingen. Es ist das Logo der Deutschen Bank.