Als ich ein Kind war, war alles, was es war. Es war fraglos. Ich hätte in einer Höhle aufwachsen können oder in einem Einfamilienhaus, beides wäre für das Kind dasselbe gewesen, seine natürliche Umgebung. Wir saßen bei elektrischem Licht am Küchentisch zum Abendessen, der Vater ging irgendwann ins Wohnzimmer hinüber, um die Nachrichten im Fernsehen zu schauen, und wenn ich krank war, fuhren sie mich mit einem Auto zu einem Doktor, der mich mit irgendwelchen Maschinen untersuchte. Der Doktor war für mich zwar ein Gräuel, aber dass es ihn mit seinen Maschinen und Instrumenten überhaupt gab, war etwas völlig Fragloses. Meine Welt war wie die natürlichste aller denkbaren Umgebungen.

Später kamen die Kinder (die Jungs, ich teilte das nicht so sehr) in die Phase der Technikbegeisterung. Noch heute sehe ich, wie sie stark auf Automobile, Planierraupen, Züge und bei Letzteren vor allem auf ICEs reagieren. Sie können vielleicht noch gar nicht sprechen, und doch ist bereits diese Faszination da. Oft frage ich mich, was sie in diesen Dingen sehen. Sie unterscheiden sich für die Jungs offenbar von allem anderen auf der Welt. Dinge der Technik haben anscheinend eine Aura für sie, anders als, sagen wir, Bäume oder ein Fluss oder ein Singvogel.

Ich frage mich oft, wann genau der Punkt war, als für mich zum ersten Mal etwas nicht mehr einfach nur das war, was es war, sondern von mir mit einem Urteil belegt wurde. Ich meine, mit einem anderen Urteil, als ich etwa über den Arzt oder über ein bestimmtes Essen hatte, wenn es mir nicht schmeckte. Dieses letztere Urteil sagt ja immer nur: Das will ich nicht. Ich will nicht, dass mir der Arzt wehtut. Ich will diese Suppe nicht essen müssen. Nein, sondern mit folgendem, ganz anderem Urteil: Ich möchte nicht, dass es das gibt. Natürlich konnte ich nur über Dinge so urteilen, die von Menschenhand gemacht waren. Ich wäre nie im Leben auf den Gedanken gekommen, die Existenz von Singvögeln, Flüssen, Gewittern oder Erdbeben mit diesem Urteil zu belegen.

Ich kann mich zum Beispiel daran erinnern, dass ich, als ich in die Oberstufe ging, jeden Morgen durch ein Nadelöhr in einem kleinen Tal laufen musste, um zu meiner Schule zu kommen. Es herrschte natürlich Berufsverkehr, ein Wort, das wenige Jahre zuvor für mich noch natürlicher Bestandteil meiner Welt gewesen war. Kurz gesagt, ich konnte in diesem Nadelöhr kaum atmen. Ich fand jeden dieser Autofahrer eigentlich persönlich ziemlich widerlich, weil er so herumstank.

Schon zwei, drei Jahre vorher waren Autos aus meiner "natürlichen" Umgebung herausgefallen. Damals hatte ich Musikunterricht in einer Straße genommen, in der Jugendstilgebäude und einige Häuser aus der Gründerzeit standen, nebst einer Allee von Bäumen, Robinien (den Namen der Bäume kannte ich damals nicht). Ich fand die Straße schön. Warum ich sie schön fand, weiß ich nicht mehr, vielleicht hatte einfach ein Mädchen, in das ich verliebt war, gesagt, die Straße sei sehr schön. Und dann dachte ich mich in das Schönsein dieser Straße hinein. Mir fiel zur damaligen Zeit erstmals auf, dass in diesen Straßen mit alten Häusern überall Autos herumstanden. Die ganze Straße entlang standen Autos. Natürlich hatten wir das unsere ganze Kindheit über schon gesehen, aber jetzt sah ich es zum ersten Mal bewusst. Das meiste sehen wir ja immer nur unbewusst.