ZEITmagazin: Frau Gryllus, wann war Ihnen klar, dass Sie Schauspielerin werden wollen?

Dorka Gryllus: Eigentlich schon immer. Aber meine Mutter ist Regisseurin und wollte mich unbedingt von der Schauspielerei abhalten. Sie hat mir dauernd gesagt: "Schauspieler sind alle unglücklich, dieser Beruf ist furchtbar. Selbst wenn es gut läuft, bist du immer von jemandem abhängig. Und wenn es nicht läuft, ist es katastrophal."

ZEITmagazin: Hatten Sie diese Gedanken verinnerlicht?

Gryllus: Ja, erst als ich 20 war, habe ich ihr klar sagen können: So, Mama, ich will definitiv Schauspielerin werden. Meine Mutter hat mich dann auf eine Schauspielschule in Budapest geschickt, wo ich als Komparsin anfing. Das war wahnsinnig anstrengend und demütigend. Keiner weiß, wie du heißt, du wirst wie eine Ware hin- und hergeschoben.

ZEITmagazin: Konnten Sie dort überhaupt etwas lernen?

Gryllus: Ja, ich konnte sehen, wie Theater funktioniert, es ist wie eine Fabrik. Meine ganze Aufgabe bestand darin, um eine Säule herumzulaufen, und das acht Stunden lang, Tag für Tag. Ich war damals sehr unglücklich, aber jetzt denke ich, es war eine gute Schule für mich.

ZEITmagazin: Warum?

Gryllus: Als ich einmal weinend nach Haus kam, fragte mich meine Mutter: "Wurdest du von irgendjemandem dorthin geschickt?" – "Nein, es war meine Entscheidung", antwortete ich. "Dann solltest du nicht weinen oder mit der Schule aufhören." Daran habe ich mich später oft erinnert. Ich habe nie aufgehört, und ich weine nur noch sehr selten.

ZEITmagazin: Wie wichtig ist Talent?

Gryllus: Talentiert zu sein ist ein Zustand, der sich ganz schnell ändern kann, wenn man den falschen Weg geht. Man verfügt nicht durchgängig über sein Talent, aber man kann es immer wiederfinden.

ZEITmagazin: Haben Sie Angst zu enttäuschen?

Gryllus: Ja, sicher. Schauspieler wollen geliebt werden, das ist das kleine Kind in uns. Ich singe auch in einer Band, und auf den Konzerten erlebe ich diese Emotionen noch direkter als beim Schauspielen. Es ist ein Kick, Menschen glücklich zu machen.

ZEITmagazin: In dem deutschen Fernsehfilm "Schicksalsjahre" verkörperten Sie an der Seite von Maria Furtwängler die russische Sängerin Norah, die sich nicht unterkriegen lässt. Wie viel hat diese Rolle mit Ihrer Persönlichkeit gemein?

Gryllus: Norah ist viel stärker als ich. Ich kann lebenslustig sein und positiv, aber ich bin nicht so impulsiv wie Norah. Ich verstecke mich gern, bin gern allein. Ich bin oft verunsichert.

ZEITmagazin: Wovor verstecken Sie sich?

Gryllus: Vor der Welt, vor Menschen. Ich weiß nicht, woher meine Scheu kommt. Aber es ist schon besser geworden.

ZEITmagazin: Waren Sie schon als Kind so?

Gryllus: Ja, als ich drei war, ist meine einzige Freundin in einen anderen Kindergarten gewechselt. Ich habe meinen Eltern gesagt, dass ich da auch hin will. Ein Jahr lang saß ich im Kindergarten in der Ecke und habe kein Wort gesagt, dann durfte ich auch wechseln.

ZEITmagazin: Und wie haben Sie Ihre Schüchternheit überwunden?

Gryllus: Indem ich viele Erfahrungen gesammelt habe. Aber es kommt immer noch vor, dass ich Angst habe, wenn etwas Neues bevorsteht.

ZEITmagazin: Gab es Situationen, in denen Sie das Gefühl hatten, es geht nicht mehr weiter?

Gryllus: Sicher. Zum Beispiel, als ich in Ungarn nach einem Filmdreh wieder ein Engagement gesucht habe. Ich war überall, aber keiner wollte mich. Ich war ganz verzweifelt, ich wusste gar nicht, wie es weitergehen soll.

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ZEITmagazin: Was hat Sie gerettet?

Gryllus: Ich bin sehr gläubig, ich sage in solchen Situationen: Okay, zeig mir bitte den Weg, und ich folge dir. Es kam immer ein Zeichen.

ZEITmagazin: Von Gott?

Gryllus: Ja. Wir müssen nur fragen und bitten. Wenn man gut zuhört oder richtig hinschaut, dann kommt zum Beispiel ein Mensch und sagt etwas Bedeutungsvolles. Ich kann es nicht erklären, aber es passiert etwas.

ZEITmagazin: Die Tatsache, dass Ihnen Menschen geholfen haben, ist für Sie ein Zeichen Gottes?

Gryllus: Manchmal schon.

ZEITmagazin: Was ist damals passiert, als Sie in Ungarn keine Stelle fanden?

Gryllus: Meine Agentin sagte zu mir: Geh nach Deutschland! Das wird die beste Entscheidung deines Lebens sein. Erst wollte ich das nicht. Ich konnte ja auch kaum Deutsch. Aber dann bin ich nach Berlin gegangen und habe Deutsch gelernt. Ich fand die Stadt so schön, so frei, so multikulti, ich habe mich total in Berlin verliebt. Dort haben sich tatsächlich Türen geöffnet. Ich hatte das Gefühl, als ob jemand mich in diese Richtung geschickt hätte.

Das Gespräch führte Louis Lewitan.