Im Freistaat Sachsen soll ein Sturm simuliert werden. Noch ist Ruhe auf dem Gelände der Wettiner Kaserne. Hinter dem Schlagbaum steht Hauptmann Daniel Kruschinski, 31, und zeigt auf parkende Lastwagen: Die 1200 in Frankenberg stationierten Soldaten sollen demnächst eine "Operation verbundener Kräfte" proben. Eine Gefechtsübung. Auf Anhängern lagern ausfahrbare Antennen und Funkgeräte. Die meisten Soldaten in dieser Kaserne am Rande des Erzgebirges sind Fernmelder. Sie gehören zur Panzergrenadierbrigade 37. Die trägt den Namenszusatz "Freistaat Sachsen", auch wenn fünf der sieben Bataillone in Thüringen sitzen. In Frankenberg ist die Stabsführung untergebracht.

Kruschinski deutet auf schmucke Gebäude mit hellen Fassaden. "Nach der Wende", sagt er, "gab es hier – höflich gesagt – erheblichen Sanierungsbedarf." Soll heißen: Die frühere NVA-Kaserne war fast eine Ruine. Dann wurde investiert. "Die Unterkünfte und Stabsgebäude sind alle renoviert", sagt Kruschinski, "die Infrastruktur ist auf einem guten Stand." 70 Millionen Euro kostete das.

Schon bei der vorigen Sparrunde war Sachsen der große Verlierer

Große Investitionen haben Kasernen jedoch selten vor der Schließung bewahrt, und so geht, seit die Pläne zur Reform der Bundeswehr bekannt geworden sind, in Frankenberg die Angst um: Denn Lastwagen mit Containern und Funkgeräten können überall stehen. Der Führungsstab der Panzergrenadiere könnte überall seine Computer und Kartentische aufstellen. In der Wettiner Kaserne fürchtet man nun die Strukturreform im Heer. Es droht die Schließung des Standortes.

Als er noch Verteidigungsminister war, hat Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) den größten Umbau der Bundeswehr seit deren Gründung angeschoben. Die Wehrpflicht wurde ausgesetzt, die Truppenstärke soll drastisch reduziert werden: von 240.000 Soldaten auf etwa 185.000. Etliche Kasernen werden schließen müssen. Welche das sind, wo Stellen gestrichen werden, das wollte das Ministerium eigentlich bis Mitte 2011 entscheiden. Durch Guttenbergs Rücktritt und die Amtsübergabe an Thomas de Maizière (CDU) ist dieser Zeitplan unrealistisch geworden. Der Vorsitzende des Deutschen Bundeswehrverbandes, Ulrich Kirsch, mahnt an, die Reform umzusetzen – und kritisiert, dass bislang keine konkreten Entscheidungen getroffen worden seien. Bundeskanzlerin Angela Merkel versichert, die Reform sei nicht gefährdet. Nur: Einen Zeitplan für deren Umsetzung nennt sie nicht. Der neue Verteidigungsminister de Maizière hat angekündigt, die Pläne in Ruhe überprüfen und gegebenenfalls auch korrigieren zu wollen. De Maizière leitete vor seinem Wechsel nach Berlin Dresdens Staatskanzlei, war sächsischer Finanz-, Justiz- und Innenminister. Er kennt die Region und hat hier auch seinen Wahlkreis als Bundestagsabgeordneter. Einen Bonus wird das Standorten wie Frankenberg kaum verschaffen. Auf regionale Befindlichkeiten, heißt es in Berlin, werde bei der Umsetzung der Strukturreform keine Rücksicht genommen.

In Sachsen kämpfen Politiker hinter den Kulissen um den Erhalt der beiden größten Kasernen Frankenberg und Marienberg. Schon zeichnet sich eine Schonfrist ab – bis 2014: Denn überdurchschnittlich viele Ostdeutsche kämpfen in Auslandseinsätzen, Soldaten aus den neuen Ländern stellen die Hälfte der Truppe am Hindukusch. Hunderte Soldaten allein aus dem Erzgebirge werden bald nach Afghanistan aufbrechen; ihre Einheiten sollen erst in drei Jahren zurückkehren. Und wenn Kameraden im Auslandseinsatz sind, weiß der Frankenberger Hauptmann Kruschinski, kann man daheim nicht ihre Kasernen schließen.

Kruschinski, der aus Leipzig stammt, war selbst zweimal "unten", wie er sagt. Derzeit bereitet sich seine Brigade auf einen neuen Einsatz vor. Mitte 2012 sollen gepanzerte Kampftruppen, Aufklärer, Logistiker, Pioniere und Fernmelder aus Thüringen und Sachsen nach Afghanistan verlegt werden. Der Bundestag muss noch das Mandat erteilen, die Vorbereitungen laufen. Die Soldaten in Sachsen werden vorher Einsätze in kleinen Dörfern simulieren, sie werden die Landeskultur und den Islam kennenlernen; eine Psychologin wird mit ihnen über den Tod sprechen. "Ein Auslandseinsatz erfordert viel Zeit und Aufwand, von der Vorbereitung bis zur Phase nach der Rückkehr", sagt Kruschinski, "in dieser Zeit werden die Heimatkasernen als Basis gebraucht."