Zehn Jahre lang hat Herr Nguyen aus Dresden immer wieder dasselbe erlebt: Als Außendienstmitarbeiter einer Firma für Bürotechnik kam er zu den Kunden, klingelte an der Tür und traf auf verächtliche Blicke, hörte dumme Sprüche: "Sie sind doch von der Mafia!" Nicht nur private Unternehmer, sondern auch Angestellte des öffentlichen Dienstes, auf diesen Fakt hinzuweisen ist Herrn Nguyen wichtig, haben das gesagt. So lange, bis er aus freien Stücken kündigte; er hielt dieses Mobbing, wie er sagt, nicht mehr aus. Danach eröffnete er ein Geschäft für asiatische Lebensmittel, aber der Laden läuft nicht mehr gut. Und nun überlegt Herr Nguyen, der seit 30 Jahren in Dresden wohnt, mit seiner Frau und den drei Töchtern in den Westen zu ziehen – nach Bayern oder Baden-Württemberg. "Wir sind dazu gezwungen", sagt der 51-Jährige. "Wir gehen dorthin, wo Arbeit ist." So, wie es viele andere Ostdeutsche auch tun.

Es ist eine verstörende Geschichte, eine, die Herr Nguyen nur mit Überwindung erzählt. Denn er weiß, dass er und seine Landsleute inzwischen als beliebteste Einwanderergruppe in Ostdeutschland gelten.

Etwa 9000 Vietnamesen leben in Sachsen. Inzwischen lobt die sächsische Regierung die Integrationsbereitschaft jener Asiaten, von denen in den achtziger Jahren etwa 60.000 als Vertragsarbeiter in die DDR gekommen sind. Und der Ausländerbeauftragte des Landtags, Martin Gillo, sagt: "Die Vietnamesen halten den Deutschen einen Spiegel vor. Ihre Tugenden waren einmal unsere." Er spielt damit auf das mittlerweile geflügelte Sprichwort von den Vietnamesen als den "Preußen Asiens" an. Die Kinder der Vertragsarbeiter gelten als Musterknaben und Vorzeigeschülerinnen. 75 Prozent von ihnen besuchen ein Gymnasium. Zum Vergleich: Von den Kindern deutscher Eltern schaffen das nur 43 Prozent. Der Hamburger Erziehungswissenschaftler Olaf Beuchling hat den Imagewandel der Vietnamesen in Sachsen beobachtet: "Vor 15 Jahren sprachen alle nur von vietnamesischen Zigarettenschmugglern", sagt er. "Heute reden wir über die Erfolge der Integration." Beuchling gilt als Experte für die Belange vietnamesischer Schüler in Deutschland. Das Verhältnis zwischen Einwanderern und Ostdeutschen, weiß er, hat sich normalisiert.

"Meine Eltern haben viele unerfüllte Wünsche. Ich will nicht so leben wie sie"

Seit vermehrt über die hohe Rückkehrrate von Deutschtürken der zweiten Generation aus Westdeutschland in das Heimatland ihrer Eltern berichtet wird, sind Politiker auch in Sachsen aufgeschreckt. Manche fürchten, dass die jungen, gut ausgebildeten Deutschvietnamesen nach Asien ziehen könnten. Die vietnamesische Regierung, hieß es, wolle die Jugendlichen locken. Als Elite in die Heimat der Eltern. Aber stimmt das? Pham Hong Phong, der Vorsitzende des Vereins der Vietnamesen in Dresden, sagt: "Da gibt es keine Strategie oder Taktik. Davon habe ich noch nie gehört." Von dieser Woche an reist Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) nach Vietnam. Er kann dann vor Ort dieser Frage nachgehen. Aber vielleicht sollte man ohnehin zuerst die Jugendlichen selbst fragen, was sie wollen. Ob sie sich in Ostdeutschland wohlfühlen.

Trubel in der Aula des Leipziger Gustav-Hertz-Gymnasiums, Mittagspause. In der benachbarten Kantine gibt es, was sonst, Nudeln mit Tomatensauce. Die Luft ist stickig, Essensgeruch zieht herüber. Khanh Do Le bahnt sich zielstrebig einen Weg durch das Gewühl. Die 17-Jährige geht mit festem Schritt; sie hat einen klaren, selbstbewussten Blick. In einigen Wochen wird sie ihr Abitur ablegen. Vor dem Treffen hatte sie per Mail geschrieben: "Das Schwierigste wird sein, einen gemeinsamen Termin zu vereinbaren, da ich momentan im Klausurenstress stecke. Aber ich denke, das bekomme ich irgendwie geregelt."

Die gebürtige Leipzigerin Khanh ist nicht nur eine fleißige Schülerin, sie leitet auch die Schülerzeitung an ihrem Gymnasium; obendrein engagiert sie sich in einem Verein, der ein Sorgentelefon für Jugendliche eingerichtet hat. Im Sommer wird sie für ein halbes Jahr nach England ziehen. "Cambridge!", ruft sie aus, und ihre Stimme überschlägt sich dabei. "Also ich meine: Cambridge! Cambridge! Cambridge!"