"Bitte gedenken Sie einer greisen Mutter, einer grausam beraubten, einsamen Witwe, sechs Töchtern in zartem Alter und eines jungen Burschen, der eines Tages das Erbe seiner Väter wiederbeleben wird", hörte der "junge Bursche" im Alter von fünf Jahren in der Grabrede für den Vater.

Der letzte männliche Erbe der Dynastie war er zwar nicht, drei Monate später kam noch ein Bruder zur Welt. Aber es wurde sogar per Erlass festgehalten, dass die Funktionen des Dahingeschiedenen in der fünften Generation an ihn übergehen sollten und sein Onkel sie nur vorübergehend ausüben durfte. Dieser plagte sich nach Kräften, ihm die Voraussetzungen dafür einzuprügeln, erreichte aber nur wenig bei dem verträumten Knaben. Auch in die Schule komme er nur, "um sich den Hosenboden abzunutzen", berichtete ein Lehrer verzweifelt. "Er gibt nicht acht. Er liest nicht!"

Aber "die Kinder der Katze fangen Mäuse", hieß es, und so stand die Zukunft für ihn fest. Im Alter von achtzehn Jahren änderte ein Erlebnis den vorgezeichneten Weg. Vordergründig brachte er seine Ausbildung zu Ende, insgeheim aber hatte er andere Pläne. Fast scheiterten sie an den Finanzen, denn wollte er nicht in die vorgesehenen Fußstapfen treten, wurde ihm die Unterstützung verweigert. Unter ärmlichsten Bedingungen erlebte er eine neue Welt, die er erobern wollte. Weitere Studien langweilten ihn, er war kein Intellektueller.

"Er war hübsch und außerordentlich klug", kritzelte er seinen eigenen Nachruf in ein Heft. Ersteres war unbestreitbar. Bei Frauen hatte er viel Glück. Nur nicht mit der, die seinetwegen ihren Mann verließ, ihm einen Sohn gebar und bis zu seinem Lebensende bei ihm blieb, ihn mit ihrer Eifersucht verfolgte und keinerlei Interesse für das hatte, wofür er lebte.

Seinen ersten Erfolg feierte er mit einem von einer Jury abgelehnten Werk. Aber ein einflussreicher Mentor, der von seinem Talent überzeugt war, verhalf ihm zu seinem ersten Schritt an die Öffentlichkeit, wo es vom Publikum hingerissen bejubelt wurde. Obwohl die Diskrepanz zwischen offizieller Kritik und Publikumserfolg seine ganze Karriere begleitete, konnte er sich durchsetzen, wurde reich und berühmt. So sehr, dass er nach mehreren schwer erarbeiteten Triumphen zum Opfer seiner eigenen Berühmtheit wurde.

Aber nachdem er das Leben mit schnellen Autos und Motorbooten, Villen und weiten Reisen genossen hatte, hatte er den Müßiggang satt. Er habe eine ohnehin "altersschwache Gattung" über Jahrzehnte am Leben erhalten, wurde ihm nachgesagt, nun versuchte er noch einmal zu beweisen, dass er mit seiner Kunst nicht aus der Zeit gefallen war, und begann etwas Neues, indem er noch einmal zum Erklingen brachte, was seine größte Stärke war: die "Stimme der Humanität". Das Werk zu vollenden war ihm nicht vergönnt. Fast ein Dreivierteljahrhundert später stürmte ein Stück daraus als einziges seines Genres die Hitparaden.

Wer war’s?

Lösung aus Nr. 12:
Michail Sergejewitsch Gorbatschow (* 2.3.1931) stammte aus der Region Stawropol. Seit 1952 war er Mitglied der KPdSU, wurde 1978 Sekretär des Zentralkomitees und 1985 ins höchste Amt des Generalsekretärs gewählt. Im November folgte ein Gipfeltreffen mit dem damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan. Seine Politik der Perestrojka beendete das Wettrüsten und leitete den Fall des Eisernen Vorhangs ein. 1991 gab es einen Putschversuch gegen ihn, fünf Monate später trat er zurück. Mit seiner Ehefrau Raissa, die ihn seit 1953 bis zu ihrem Krebstod 1999 stets begleitete, gründete der Friedensnobelpreisträger eine Stiftung, engagierte sich für Friedensforschung, Umweltschutz und Menschenrechte. Der Text folgt der neu erschienenen Biografie von György Dalos: "Gorbatschow. Mensch und Macht" (C. H. Beck)