Den USA steht eine qualvolle Entziehungskur von der Droge der Staatsverschuldung bevor – oder sie werden von einer steigenden Zinslast erdrosselt und landen in einer Geiselhaft ausländischer Kapitalgeber. Bekämpfen die USA weiterhin die Schuldenkrise durch immer neue Schulden, könnten Gläubiger das Vertrauen verlieren. Die Trennung des weltweit größten Rentenfonds von all seinen US-Staatsanleihen gibt darauf einen Vorgeschmack.

Die Zeit drängt. Steigen die Zinsen, weil das Kaufprogramm von US-Staatsanleihen durch die US-Zentralbank (Fed) im Sommer ausläuft, Großanleger nicht mehr wie bisher oder nur zu höheren Renditen in den Dollar investieren oder Inflationstendenzen entgegengewirkt werden muss, dann führt die Schlinge um den Hals eher früher als später zu Atembeschwerden. Selbst ein Szenario, in dem die Bonitätsnote der USA abgesenkt würde, erschiene nicht mehr abwegig.

Spätestens in einem Jahr wird die Politik in den USA allerdings in den Bann eines wahrscheinlich heftiger denn je geführten Wahlkampfes um die US-Präsidentschaft gezogen. Das Zeitfenster für eine grundlegende Änderung der US-Wirtschafts- und Finanzpolitik dürfte sich deshalb im kommenden Frühjahr für fast anderthalb Jahre schließen.

Europa hat keinen Grund, sich über die Probleme der USA zu erheben. Mit seinen internen Ungleichgewichten, den Refinanzierungsproblemen einzelner Mitgliedsstaaten der Euro-Zone, einem labilen Bankensystem und einer mangelhaften wirtschafts- und fiskalpolitischen Koordination hat es im eigenen Haus genügend Renovierungsbedarf. Ob es willens und in der Lage ist, seine Hausaufgabe umfassend und nachhaltig zu erledigen, wird aktuell der Europäische Rat am 24./25. März 2011 zu beweisen haben.

Wie sich die USA in einer Schuldenfalle verfangen und in eine Abhängigkeit von ausländischen Kapitalgebern begeben haben, ist höchst beunruhigend. Ihr Schuldenstand wird spätestens im nächsten Jahr mit rund 15 Billionen Dollar die 100-Prozent-Marke, gemessen an der jährlichen Wirtschaftsleistung, reißen. Das jährliche Budgetdefizit (1,5 Billionen Dollar im laufenden Haushaltsjahr) liegt zum dritten Mal in Folge zwischen 10 und 11 Prozent des USA-Bruttoinlandsprodukts. Dieses Defizit wird – anders als in Japan – in einem vergleichsweise geringen Maß über Spareinlagen von US-Bürgern finanziert. Die Sparquote in den USA ist zwar in der Folge der Krise gestiegen, war aber traditionell immer sehr niedrig, manchmal sogar im Minusbereich. "Buy now, pay later", hieß die Devise amerikanischer Konsumenten. Die Defizite der USA – das Staatsdefizit ebenso wie das Leistungsbilanzdefizit, in dem sich der Importüberschuss spiegelt, und die private Verschuldung – werden in erheblichem Maß von ausländischen Investoren finanziert, die im Dollar einen sicheren Hafen und in den USA einen verlässlichen Schuldner sehen. Das ganze System baut darauf auf.

Die Höhe der im Ausland – von staatlichen und privaten Gläubigern – gehaltenen US-Wertpapiere beträgt etwa 11 Billionen Dollar. Davon hält China (einschließlich Hongkong) etwa 1,3 Billionen Dollar allein an Staatsanleihen (von rund 4,4 Billionen Dollar im Eigentum weltweiter Gläubiger). Diese enorme finanzielle Abhängigkeit von ausländischen Investoren und insbesondere China droht, irgendwann in einer politischen Abhängigkeit zu eskalieren. Selbst wenn in Rechnung gestellt wird, dass die USA und China mindestens wirtschaftlich ein symbiotisches Verhältnis eingegangen sind, in dem die Chinesen an der Werthaltigkeit ihrer US-Anlagen und in ihrem exportgetriebenen Wachstumsmodell an dem riesigen Absatzmarkt der USA interessiert sind, kann von einem stabilen Gleichgewicht keine Rede sein. Bei ihren Währungsreserven von 2,8 Billionen Dollar, ihren Spielräumen für alternative Anlagestrategien und ihrer Langmut, Forderungen nach einer Aufwertung ihrer Währung zu ignorieren, sitzen die Chinesen vorn im Zweierbob "Chimerika".