Herrlich. Tutzing, malerisches kleines Paradies am Westufer des Starnberger Sees, die Alpen in Sichtweite. Wo sonst, denkt man, wenn nicht hier, in der Evangelischen Akademie, könnten sich so heiß geführte Debatten wie die um den Islam in Deutschland abkühlen?

Und so geschah es am vergangenen Wochenende bei der Tagung des Politischen Clubs der Akademie. Das Thema lautete: "Gehört der Islam zu Deutschland?", der erste Redner: Thilo Sarrazin. Aber: War das wirklich noch Thilo Sarrazin, der Provokateur und Hobbygenetiker des vergangenen Herbstes? "Na ja, eigentlich wollte ich ja gar kein Buch über Muslime schreiben, sondern eines über den Sozialstaat", sagte der Mann, der aussah wie Thilo Sarrazin. Mit der Zuwanderung beschäftige er sich schließlich erst ab Seite 256 . Deutschland schafft sich ab? "Zugegeben, der Titel ist plakativ." Und wenn er über bestimmte Gruppen spreche, bedeute das nicht, dass einzelne Menschen nicht auch ganz anders sein könnten. Schließlich gebe es durchaus Italiener mit blonden Haaren und blauen Augen – auch wenn die meisten eher dunkel seien.

Was war geschehen? Lag es an der frischen Alpenluft? Dem altehrwürdigen Gemäuer des Tutzinger Schlosses? Oder am strengen PEN-Präsidenten-Blick von Johano Strasser, der mit seinem Duzgenossen Sarrazin auf dem Podium diskutierte?

Vielleicht lag es auch an den wenigen handverlesenen muslimischen Teilnehmern der Konferenz. Während sich Sarrazin und Strasser zwischen "skandalösem Menschenbild" (Strasser) und der nicht minder skandalösen Geburtenrate muslimischer und nichtmuslimischer Frauen (Sarrazin) hin und her bewegten, nur um sich zwischendurch auch noch an die gute alte Zeit in der Grundwertekommission der SPD vor dreißig Jahren zu erinnern ("Thilo, weißt du noch?" – "Ja, ja."), muss das Weltbild von Bünyamin Idriz, Imam aus Penzberg, vollends ins Wanken gekommen sein. Denn am Ende stelle Sarrazin noch die Lösung aller Integrationsprobleme in Aussicht: Diese würden automatisch verschwinden, so Sarrazin, wenn es zu einer "physischen Vermischung" mit der Aufnahmegesellschaft kommt. Einziges Problem: Die Muslime wollten ja nicht.

Wirklich nicht? Zu Imam Idriz gesellte sich Lale Akgün. Die SPD-Abgeordnete forderte einen Anarcho-Islam ganz ohne feste Regeln und leitete aus dem Koran ab, dass Sex vor der Ehe und Homosexualität vollkommen okay seien. Der zurückhaltende Idriz wirkte da schon ein bisschen eingeschüchtert. Verzweifelt verteidigte er sein Recht auf fünf Gebetszeiten am Tag. Im weiteren Verlauf seiner Rede reklamierte er Liebe, Freiheit, Vernunft und Kritik für seine Religion und bekannte, dass die Geschichte Deutschlands auch die Geschichte seiner Kinder sei: Als Deutsche müssten sie die historische Verantwortung für den Holocaust mittragen. Da ging ein Raunen durchs mehrheitlich evangelische Publikum. Jemand flüsterte: "Och nee, jetzt holt der schon die Auschwitz-Keule raus." Als Idriz dann auch noch die Demokratiebestrebungen in der arabischen Welt lobte, lachten einige Zuhörer laut auf: Erst will sich der Muslim in Auschwitz einmischen und dann Lektionen in Demokratie geben – na, so was! Weil Auslachen aber gar nicht okay ist, verbat sich der Tagungsleiter, Finanzminister a. D. Hans Eichel, streng solches Verhalten.

Gott und Allah sei Dank, dass es wenigstens noch Henryk M. Broder gab. Mit grotesk bunter Krawatte und Hosenträgern bekleidet, forderte er die Abschaffung von ständigen "Sonderrechten" für Muslime und das Ende des kollektiven Beleidigtseins von Türken (und übrigens auch von Polen, aber das fügte er erst später hinzu). Doch das waren nur Kollateral-Forderungen. Das eigentliche Postulat folgte dann mit in die Luft gestrecktem iPhone. Dieses Gerät, so der Aufklärer und Ludwig-Börne-Preisträger Broder, sei das Ergebnis von Forschung und kritischen Fragen – und wer das nicht akzeptiere, wie jüngst ein Marokkaner in Marokko, der solle gefälligst sofort aufhören zu telefonieren!

Das amüsierte das muslimische und nichtmuslimische Publikum gleichermaßen. Überhaupt konnte man sich ganz gut aushalten in diesen zwei Tagen in Tutzing. Den größten Protest löste Tagungsleiter Eichel aus, als er das Mittagessen um eine Stunde nach hinten verschob, weil Thilo Sarrazin seine Redezeit um 50 Minuten überzogen hatte. Eichel berief sich dabei auf die muslimischen Fastenregeln: "Tagsüber gibt es nichts, dafür nur abends und nachts."