Die Ereignisse in Japan haben eine Reihe fester Glaubenssätze über den technischen Fortschritt und die Globalisierung erschüttert. Sie bestärken eine Entwicklung, die schon in der Weltfinanzkrise ausgelöst wurde: Wir zweifeln heute daran, dass die Gesellschaft und die Wirtschaft sich vorhersehbar entwickeln – dass sich alle Risiken und Unsicherheiten messen lassen und dass auf dieser Basis für die Zukunft geplant werden kann.

Vor der Finanzkrise war das anders. Vielfach nahm man sogenannte historische Datensätze zur Hand, die in Wirklichkeit nur über ein paar Jahre gingen. Damit aber schätzte man die Wahrscheinlichkeit extremer Umwälzungen ab. Als dann 2008 mit dem Lehman-Kollaps eine Katastrophe geschah, kam es zur plötzlichen Einsicht. Tatsächlich waren eine Reihe nur scheinbar voneinander unabhängiger Risiken miteinander verbunden. Es wurde also erschreckend klar: Ereignisse, die einer normalen statistischen Verteilung zufolge eigentlich nur alle zehntausend Jahre einmal stattfinden sollten, können uns in rascher Abfolge heimsuchen.

Die gleiche Art von Berechnung – dass es sich um ein Einmal-in-tausend-Jahren-Ereignis handele – wurde für schwere japanische Erdbeben angestellt. Sie berücksichtigte einfach nicht, dass mehrere Horrorereignisse miteinander verbunden sein können, so wie ein Erdbeben und ein Tsunami.

Tatsächlich erlebte die Atomindustrie wiederholt Beinahe-Desaster, und doch zeigten die Advokaten dieser Branche wie auch die politische Klasse insgesamt eine allzu zuversichtliche Einstellung. Das Interessante ist nun: Die Lektion von Japan hat von Land zu Land zu unterschiedlichen Erkenntnissen geführt, abhängig von den nationalen Kulturen und Erfahrungen. Besonders auffällig ist, dass in dieser Frage ein tiefer Graben durch die Mitte Europas verläuft. Frankreich und Großbritannien liegen auf einer Linie mit den USA, und zwar nicht nur in dem Punkt, dass sie einen weniger ängstlichen Zugang zur Atomenergie haben. Sie sind jetzt auch schneller bereit gewesen, militärische Mittel in Libyen einzusetzen.

Es gibt da einen Zusammenhang. Das stärkste Argument gegen den Einsatz militärischer Gewalt ist eines, das auf der Unberechenbarkeit von Risiken beruht. Jeder wäre wohl mit einem begrenzten Luftkrieg zufrieden, der einen unberechenbaren und unangenehmen Diktator vertreibt. Doch was ist, wenn die Intervention scheitert? Dann wäre das Resultat eine Konsolidierung der Macht des Diktators – und die Stärkung anti-westlicher Einstellungen in Nordafrika und im Nahen Osten.

Die auffälligste Gemeinsamkeit jener Koalition von Ländern, die sich des Votums über Libyen im UN-Sicherheitsrat enthielt – Russland, China und Deutschland gegen Frankreich, Großbritannien und die USA –, war das historische Erleben der Planungskatastrophen im Kommunismus. Die kommunistische Erfahrung war im 20. Jahrhundert schlicht die extremste Ausprägung jenes fehlgeleiteten Glaubens, dass alles sauber im Voraus bedacht werden könne durch eine allwissende und wohlwollende zentrale Autorität. Nach dem Kollaps der Sowjetunion wiederholte Wiktor Tschernomyrdin – eine charakteristische Figur der alten Sowjetunion, der am längsten amtierende russische Premierminister und der Gründer von Gasprom – gern einen alten Witz: "Wir hofften auf das Beste, aber am Ende kamen die Dinge so wie immer."

Tschernomyrdin hatte recht. Wir müssen bescheidener sein, wenn es Risiken zu kalkulieren gilt. Diese neue Demut aber nimmt auch etwas vom Willen, große Risiken einzugehen und zu Abenteuern aufzubrechen – zum Beispiel solchen einer noch weiter globalisierten und noch stärker voneinander abhängigen Wirtschaft und Gesellschaft.

Zur Globalisierung zählen nicht nur internationale Bewegungen von Gütern, Menschen und Kapital, sondern auch Transfers von Ideen und Verlagerungen von technischem Wissen. Die Geschwindigkeit der Innovation rüttelt laufend hergebrachte Vorstellungen durcheinander. Fortlaufend herrscht Unsicherheit über Werte, Geldwerte wie fundamentale Werte der Gesellschaft.

Also steckt die Globalisierung selbst in der Krise. Ein Hinweis darauf ist eine neue Sprache, die uns aus vielen Ländern entgegenschallt. Seit 2007 reagieren wir auf Krisen aller Art mit erschreckend nationalistischen Ansichten: Die Amerikaner haben uns die Finanzkrise gebracht! Die Griechen (respektive die Deutschen) haben uns die Krise der Euro-Zone beschert! Die Japaner sind mit der Atomenergie falsch umgegangen!

Wir sind auf einem Weg, der in den ökonomischen Nationalismus zurückführt, und hier geht es nicht bloß um unterschiedliche Interessenlagen. Die Grundlage dieser neuen Krise sind tiefe nationale Glaubensunterschiede in der Frage, ob man die Welt kalkulierbar machen kann.

Aus dem Englischen von Thomas Fischermann

Harold James lehrt  Geschichte an der  Universität Princeton