Während die japanische Welt gerade die restliche Welt flutet mit Bildern des Untergangs und alles für kurze Zeit belanglos wird, haben die ersten Menschen den Mars betreten. Zumindest haben sie es simuliert. Die sechs Männer, die seit Anfang Juni 2010 in einer Attrappe bei Moskau sitzen, sind gerade auf dem Roten Planeten angekommen. Ende des Jahres werden sie wieder auf dem Blauen sein und wissen wollen, welches Leben wir hier inzwischen simuliert haben. Wir werden ihnen, die eineinhalb Jahre nur die Wand anstarrten, gestehen müssen: Wir haben auch nichts anderes getan, aber unsere Wand hieß Fernsehen, und sie schenkte uns Hoch-Zeiten der Schaulust.

Ja, wir haben unsere Schaulust gefüttert bis zum Schmutz und zur Tollerei. Als in Wetten , dass..? ein junger Mann auf dem Feld des Entertainments fiel, ging uns erstmalig auf, dass Unterhaltung dort wie im Zirkus immer mit dem Aufschub des Ernstfalls zu tun hat. Das Drama des Jungen ging in das Drama des Moderators über, der den Fall so ernst nahm, wie er war, den eigenen Rücktritt aber wohl eher im Stile des Marius Müller-Westernhagen oder Howard Carpendale interpretieren, den Abschied also revidieren wird. Ein Schatten liege für ihn nun über Wetten, dass ..?, sagte er. Aus dem Windschatten oder dem Schatten eines Zweifels trat jedenfalls bald das Schattenkabinett der möglichen Moderatoren, die übernehmen könnten, bis jener wieder aus der Kulisse tritt und nicht sagt: "Da bin ich wieder."

Denn dieser Satz gehört auf alle Zeit Monica Lierhaus , und es wird ein schrecklicher Satz bleiben, denn Lierhaus war da, um zu zeigen, was an ihr nicht wieder da war. Davor saß das überrumpelte Publikum wie von Angstlust gebannt und wünschte, kein Gesicht zu haben, um keines machen zu müssen. Hatte man bei derselben Schauer-Veranstaltung schon in Michael J. Fox einen an der Schüttellähmung Erkrankten ans Publikums verfüttert, so dachte man wohl bei Lierhaus zuallerletzt daran, dass hier ein Preis verliehen werden sollte, und schreckte nicht vor der Ausstellung dessen zurück, was den Namen "human touch" trägt, ohne human zu sein, schon weil sich die Schaulust hier über alle anderen Kategorien so hinwegsetzte wie das Verleger-Fernsehen über das klassische öffentlich-rechtliche.

Dazu passte, dass laut einer Umfrage die Deutschen nie zuvor so voller Abscheu vor ihrem Fernsehen saßen wie in unserer Gegenwart. Dieser Abscheu verleihen dieselben Deutschen Ausdruck, indem sie mehr Fernsehen gucken als je zuvor, und auch "Superstar"- und "Supertalent"-Suche hatten die höchsten Einschaltquoten ihrer Geschichte. Im besten Falle ließe sich also sagen, dass der Zuschauer ein ziemlich unsympathischer Zeitgenosse ist, der sich herablassend gegenüber den flimmernden Halbintelligenzlern, sadistisch gegenüber den Zu-Prominenten eine grundsätzlich verächtliche Attitüde angewöhnt hat, und so konnte man denn auch höhnisch beobachten, wie Mathieu Carrière als Herr der Fliegen des Dschungelcamps eine Gruppe Erwachsener gegen eine 24-jährige Göre ins Feld führte ("Du bist gefährlich, sehr gefährlich!"), bis das Machtgefüge intakt und die Blamage der Erwachsenen vor der Halbwüchsigen perfekt war.

Ähnliches widerfuhr Lena Meyer-Landrut , der ARD-Verantwortliche in einer Anwandlung von Selbstkannibalisierung attestierten, sie habe ihre Strahlkraft verloren und spiele nur noch eine Rolle – ganz anders als die ARD-Verantwortlichen selbst, die immer noch die wilde Frische von Teenagern haben und aus der Rolle, die sie nicht haben, dennoch herausfallen, indem sie eines der eher glücklichen Ereignisse der jüngeren Unterhaltungsgeschichte mit dem Mehltau ihrer Vitalverstimmung bedecken. Über die Quote der Ausscheidungs-Show wurde denn auch lamentiert, selbst wenn ein Lady-Gaga-Konzert um diese Zeit keine höhere gehabt hätte, und über Stefan Raab wurde gezetert, als wünschte man sich Sankt Ralph Siegel zurück und die Zeit, da er die blinde Corinna May auf dem Akkordeon zu Highway to Hell begleitete – so frech, so jung, so strahlkräftig.