Wer hörte, welche Zugfahrt ich da unternehmen wollte, fragte gleich nach. Von Moskau nach Nizza? Wie? Ohne Umsteigen? In 50 Stunden? Da sitzt du mit fünf Russen im Abteil! Da wird gesungen und hoch die Tassen, herzlichen Glückwunsch! – Eine Kollegin aus Moskau dagegen wollte in Erfahrung gebracht haben, die seit dem Herbst bestehende Verbindung der Russischen Eisenbahn werde von Flitterwöchnern frequentiert, die während der zweitägigen Reise keine Langeweile empfänden.

Na, das kann ja heiter werden. Dabei war mein Vorhaben eigentlich ganz harmlos: eine Fahrt aus dem Winter in den Frühling. Klirrendes Moskau, blühendes Nizza, das würde man jetzt gerne lesen, schreiben natürlich auch. Und als meine Aeroflot-Maschine den Flughafen fast erreicht hatte, sah ich aus der Luft zugeschneite Seen, Reifenspuren darauf; die Eisdecke schien zu Spritztouren einzuladen.

In Moskau strahlender Sonnenschein, den Schnee muss ich suchen. Ich finde ihn in Hinterhöfen, abseits der Straßen, dort hat man ihn in den letzten Monaten aufgetürmt, um dem irrsinnigen Verkehr freie Bahn zu schaffen. In den Höfen stehen Wagen, die unter Schneekappen nahezu verschwunden sind, oft schauen nur ein Scheinwerfer oder die platten Reifen hervor. Sie erzählen bloß wenig über das aktuelle Wetter. Das Wetter ist super.

Am Abend bummele ich noch über den Roten Platz, auf dem zwischen Lenin-Mausoleum und dem Kaufhaus Gum eine Eisbahn zum Schlittschuhlaufen einlädt. Moskau kann so friedlich und nett sein. Vor dem Restaurant Duma, das im Souterrain eines düsteren Hinterhofs liegt, rutsche ich aus, weil es spiegelglatt ist und keiner gestreut hat. Reicht das an Winter? Mehr kann ich nicht bieten.

Die Zugfahrt beginnt am Weißrussischen Bahnhof, dem Altona von Moskau gewissermaßen, nur schöner, ein türkisblau leuchtendes Gebäude, das gute Laune macht. Der Zug wirkt unscheinbar, kein Gedränge auf dem Bahnsteig. Ich komme mit kleinem Koffer und einer Plastiktüte, sicherheitshalber habe ich eingekauft; nachher bleiben wir irgendwo in den östlichen Weiten stecken mit knurrendem Magen, das muss ja nicht sein.

Ich hatte ein "VIP-Abteil" gebucht, ein Zweierabteil, das man auch allein benutzen kann, mit persönlicher Dusche und WC, wahrer Luxus. Die durstigen und singenden Mitreisenden wollte ich dann unterwegs in ihren Kabinen aufsuchen; sie lüden mich bestimmt auf ein Fläschchen ein, und ich würde dann irgendwann, voll des Trunkes und der Schnurren, in mein stilles Bettchen sinken.

Bis kurz vor der Abfahrt des Zuges konnte mir das Reisebüro aber nicht sagen, ob das klappt. Die VIP-Abteile seien immer für hochgestellte Persönlichkeiten reserviert. Das ist noch wie damals, wenn die Nomenklatura auf Reisen ging. Oder wie heute auf den Moskauer Straßen, wenn sich die Privilegierten mit aufgeklebtem Blaulicht ihren Weg durch den Dauerstau bahnen. Mich stresste diese Ungewissheit etwas, aber sie fügte sich in das Rätsel, das diese Zugfahrt umgibt: Glaube niemand, dass es Prospekte mit tollen Bildern gäbe oder eine Internetseite.

 

Das Moskauer Hotel Ukraina.

Maksim, der VIP-Schaffner, begrüßt mich im letzten Waggon mit Englischbröckchen und öffnet die Tür zu meinem Gemach. Sofort springt ein junger Mann von dem mir zugedachten Bettsofa auf, Handy am Ohr, eine Stange Zigaretten unterm Arm, und wetzt über den Flur in den nächsten Waggon. Nicht schlimm, bedeutet mir Maksim, der wollte nur telefonieren. Mir war er eher unheimlich, Gesicht und Haarschnitt wie der junge Putin, als der noch in Dresden beim Geheimdienst war.

Ich bekomme einen Schlüssel für mein rollendes Schlafzimmer, Nummer 4, und nun gute Fahrt! Donnerstag, 17.21 Uhr – pünktlich.

Am ersten Tag klopft es viel an der Tür. Zunächst Ulyana, die kein Wort einer westeuropäischen Sprache spricht, wiewohl sie alle paar Wochen über Weißrussland, Polen, Tschechien, Österreich und Italien nach Frankreich pendelt. Dafür trainiert sie ihr Russisch mit Kreuzworträtseln, wie ich später sehe, als ich sie um einen Tee bitte, der inzwischen auch hier aus Beuteln kommt, aber nach wie vor kaum etwas kostet. Ulyana klopft, Laken in der Hand. Ich stehe kurz von meiner bequemen Sitzbank auf, sie klappt die Rückenlehne vor, dahinter erscheint das breite Bett, das sie nun mit geübten Griffen bezieht. Ein weiteres Klappbett gibt es auf halber Höhe; auch zu zweit wäre es hier gut auszuhalten. Man sitzt auf der Bank, schaut durchs große Fenster und sieht die Moskauer Satellitenstädte im goldenen Licht der Abendsonne vorbeiziehen, später Hochspannungsmasten und Birken, das flache Land in seiner Gestaltlosigkeit. Datschen, roter Schnee, dann senkt sich die Nacht über Russland.

Es klopft, Maksim, ziemlich aufgeregt, "Look visa!". Er hat beim Einstieg meinen Pass nicht überprüft, jetzt soll ich ihm das Visum für Weißrussland aufblättern. Den Schrieb zu beschaffen hat einiges gekostet und mehr Zeit gebraucht, als die Durchquerung dieses vordemokratischen Reiches dauern wird. Maksim ist sehr erleichtert über mein Visum.

Es klopft, spätnachts, um vier, fünf, keine Ahnung, wann genau, zwischen Russland und dem Westen liegen zwei Stunden Zeitverschiebung, und schon zwei Stunden können einen durcheinanderbringen. Es klopft und klopft, Maksim, bullige Uniformierte, später eine ruppige Zöllnerin: Pass rausgeben, Pass angucken, Gesicht angucken, Pass mitnehmen, und die eiserne Lady blafft: "How many dollars?" Benommen grüble ich über die Menge mitgeführter Dollar, aber warum Dollar, wo sind wir denn überhaupt? Da ist sie schon wieder weg. Es klopft, und ein martialischer Grenzer in Tarnfleck reißt die Tür auf, stürzt rein, ich im Halbschlaf zwischen den Laken, er im Eingang zum Bad: guckt rein, schlägt die Tür wieder zu, geht. Was er wohl gesehen hat? Im Bad war es dunkel, und die weißrussischen Dissidenten und die Dollarsäcke blieben unentdeckt. Aber vielleicht ist er nur einer Dienstvorschrift gefolgt oder uraltem Brauch.

Dann klopft es von unten, und ruckelt und wummert, und der Zug hält, fährt zweihundert Meter vor, hält, fährt hundert Meter zurück, hält, ich sehe im Grau da draußen das immer gleiche Gebäude vorbeiziehen. Irgendwann reicht’s, ich werfe mir was über und trete in den Gang, da stehen wir schon in einer gelblich-grün beleuchteten Montagehalle, und Arbeiter mit meterlangen Hämmern und Taschenlampen rufen sich etwas zu, andere schweißen, Funken fliegen. Ulyana hält mich gestikulierend vom Aussteigen ab, dann sehe ich durch die geöffnete Waggontür: Wir schweben. Wollte ich raus, müsste ich springen. Gelbe Hebebühnen halten die Wagen in der Höhe, und mit Geboller und Gerottel rollt der gesamte Unterbau unseres Zuges nach hinten weg. Die Spurweite! Man schiebt uns einen schmaleren Radsatz unter und huldigt so bei jedem Umbau jenem Zaren, der feindliches Militär daran hindern sollte, Russland per Bahn zu erobern.

Das Radwechsel- und Passkontrollspektakel in Brest ist ein Höhepunkt der Fahrt; später sehe ich den glänzenden Unterbau von der Seite; kaum zu glauben, dass dies alles mal eben angeschraubt wurde.

 

Das Hotel Negresco in Nizza.

Und sonst? Kein Singen in den Abteilen, kein Zwitschern der Paare, nur das einschläfernde Rumpeln der Räder. Einmal schrecke ich hoch: Schüsse! Geschrei! Kavallerie... Aber es ist nur die DVD aus dem Nachbarabteil, in das ich während der ganzen Fahrt keinen Blick werfen kann. So einen Flachbildschirm gibt’s bei mir auch, ich guck lieber aus dem Fenster: Birken, Brache.

Im Speisewagen sitze ich allein. Nur der aus meinem Abteil geflohene Geheimagent ist da, schwatzt mit dem Personal, schon morgens beim Bier. Aber immer drahtig, immer Haltung. Beim Essen duckt er sich so flach über den Teller, dass man von hinten seinen Rücken kaum sieht. Kein Ziel abgeben, gelernt ist gelernt.

Ab und zu ein Gang durch den Zug. Von der VIP-Klasse mit ihren edlen Holztüren, den Tüllgardinen und den Troddeln vorbei an der Bar, an der nie jemand sitzt, in die erste Klasse hinüber, deren Abteile nur ein Bad pro Wagen haben, weiter in die zweite Klasse mit den Mehrbettkabinen. Sie ist gut geheizt, weshalb etliche Türen offen stehen, hinter denen man dicke Männer in Unterhosen liegen sieht; sie kratzen sich langsam.

Ich bin der einzige Deutsche an Bord, gesprochen wird Russisch. Oder Polnisch. An der Grenze wechselt der Speisewagen. Der russische Speisewagen war ein Traum. Die Soljanka schmeckte, wenn sie auch auf eine Art gesalzen war, die einem Land der Bodenschätze entspricht. Stoffservietten, Porzellan. Und die Kellnerin öffnete die Bierdose erst am Tisch zum Zeichen der Unverfälschtheit – wie man es von St.Pauli aus gehobenen Lokalen kennt. Siberian Crown, handwarm. Die Polen dagegen: Lenas Satellite auf voller Lautstärke, viel Plastik; vier Mann umwieseln den einen Gast und beobachten jeden Bissen.

Wir fahren in den videoüberwachten, umzäunten Grenzbahnhof ein. Terespol. Danach Dörfer, schicke Häuser in Toskanafarben, neue Autos, Westen!

Die erste Menschenmenge sehe ich in Warschau am Freitagvormittag. Schöne Frauen auf dem Bahnsteig, Männer mit Ohrstöpseln, Ausländer, Nonnen, eine bunte Gesellschaft, die irgendwohin will, aber nicht mit unserem Zug. Aus unserem Zug steigt man nur kurz aus, geht drei, vier Minuten auf und ab. Bloß die Abfahrt nicht verpassen!

Plötzlich halten wir in Bohumin, einer Stadt, von der ich noch nie gehört hatte und niemand, dem ich hinterher davon erzählte. Eine Stunde Aufenthalt, nichts wie raus, gucken! Kleiner süßer Bahnhof, aufgeräumter Vorplatz, Fußgängerzone mit sage und schreibe drei Drogerien: Schlecker, dm, Rossmann. Deutschland hat die tschechische Kosmetik- und Putzmittelszene fest im Griff.

Wo liegt Bohumin? Zu den Eigentümlichkeiten dieser Zugfahrt gehört es, oft nicht genau zu wissen, wo man ist. Der Reiseplan im Zug ist knapp und auf Russisch. Natürlich könnte man sein Smartphone anwerfen, per GPS die Position ermitteln und dann im Internet Geschichte und Gegenwart der Gegend nachlesen. Aber dafür brauchte es die Roaming-Funktion, und am Ende der Reise hätte man ein paar Tausend Euro auf der Uhr, weil die innereuropäischen Grenzschikanen durch die Wegelagerei der Mobilfunkunternehmen abgelöst worden sind.

 

Nach 30 Stunden Fahrt ändert sich das Gefühl, wenn man in die vertrauteren Gebiete Europas vorstößt, Wien, Linz, Innsbruck. Das wohlig Fremde verfliegt. Zudem lässt die Aufmerksamkeit nach. Das Schaukeln verführt zum Dösen. Obwohl man an Bord nichts auszustehen hat, sich auch kaum bewegt, schläft man wie ein Baby. Und morgens wacht man dann auf und ist in Italien.

Draußen die Berge, jetzt eine Dusche! Ich stehe bei aufgezogener Jalousie unter der Brause, Schamponieren mit Talblick, das ist großartig, dann kommt ein langer Tunnel, und mir brennen die Augen im Dunkeln. Wenn der Zug jetzt entgleist, werde ich nackt und umschäumt bei den Rettungsmannschaften einigen Eindruck machen.

In Verona reicht die Zeit nur für den Zeitungskiosk, an dem es das Elend der Welt in Tageszeitungen vom selben Tag auch auf Deutsch gibt: Es ist Sonnabendmorgen, seit ungezählten Stunden gleite ich im rollenden Kokon durch Europa, während in Asien die Welt untergeht... Über meiner fassungslosen Lektüre bestelle ich bei meinen vier Polen einen Cappuccino, storniere die Bestellung aber, als der Begabteste unter ihnen nach einer Viertelstunde immer noch an den Schläuchen des tropfenden Maschinchens nestelt.

Draußen ist es diesig und flach, die Po-Ebene, planlos Fabriken und Wohnhäuser, Wäsche auf den Balkonen, die Fensterläden geschlossen, als ob es schon sommerliche Hitze auszusperren gälte.

Mailand, Genua, und dann sehe ich das Meer. Aufgewühltes, wildes Mittelmeer, leider unscharf, weil es zu regnen beginnt. Die Palmen tropfen. Die orangebunten Häuser erinnern an Polen, nur sind sie viel älter. Gleich halten wir in Bordighera an der Riviera, zwei Minuten.

50 Stunden, so lange saß ich noch nie in der Bahn. Aber ich war auch noch nie in einem so komfortablen Zug. Macht mehr Spaß als Flugzeug und Auto und als Deutsche Bahn. Gegen Abend erreichen wir Nizza; komisch, endlich da zu sein. Maksim verabschiedet sich, Ulyana trägt noch einmal ihr rotes Barett mit Hammer und Sichel, stolzes Emblem ihrer Zugbegleitungsbrigade. Die Passagiere verlassen den Zug so diskret, wie sie mit ihm gefahren sind. Einen Mann sehe ich noch vor dem Bahnhof: in Anzug und Hut, sehr schick. Er zwinkert mir verschwörerisch zu. Hier an der Côte d’Azur wird er schöne Tage haben.

Nizza wirkt fremder als Moskau, obwohl es keine kyrillischen Buchstaben hat. Es ist das andere Temperament in den Straßen, das Arabische, Afrikanische. Die Luft ist mild, es blüht aber nichts. Überall Palmen. Es regnet in Strömen.

Am nächsten Morgen zum Quai d’Anglais. Wolkenkissen am Himmel. Träge schlagen die Wellen an den Strand, Paare unter Schirmen flanieren auf der Promenade an den Kasinos vorbei. Pokern täglich ab 15 Uhr. Ich passe nicht auf und trete in eine Pfütze. Mit nassen Füßen verlasse ich Nizza.

Abfahrt immer donnerstags um 17.21 Uhr in Moskau, Ankunft samstags 17.44 Uhr in Nizza. Ab 405 euro pro Person, zu buchen über Vostok Reisen, Berlin, Tel. 030/30 87 10 20, www.vostok.de

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