Von der Unverfrorenheit zur Absurdität ist es nur ein kleiner Schritt. Also sprach Angela Merkel am Tag nach dem Debakel in Baden-Württemberg davon, dass dies eine "sehr gut arbeitende Koalition" sei. Gemeint war die schwarz-gelbe in Berlin. Von Fehlern sprach sie nicht. Nur dass sich ihre Sicht auf die Kernenergie "verändert" habe, das räumte die Kernenergiekanzlerin doch ein. Weshalb die sehr gute Regierung nun noch einmal sehr scharf darüber nachdenken will, was der Beschluss zur Verlängerung der AKW-Laufzeiten eigentlich war: eine historische Entscheidung – oder doch ein historischer Fehler? Als ob die Wähler diese Frage am vergangenen Wochenende nicht längst entschieden hätten. Schließlich behauptet mittlerweile sogar Guido Westerwelle, der recht habende Vizekanzler, er habe "verstanden".

Nur: Was genau hat diese Regierung eigentlich verstanden?

Nach dem Sommer der Beleidigungen kam der Herbst der Fehlentscheidungen

Hat sie verstanden, dass das Votum der Wähler gegen Schwarz-Gelb – ob jetzt in Baden-Württemberg oder im vergangenen Jahr in Nordrhein-Westfalen – nicht nur einzelnen Entscheidungen gilt, sondern dem gesamten Auftritt? Hat sie verstanden, dass sie inhaltlich so wie bisher nicht weitermachen kann, nicht nur in der Energiepolitik? Vor allem: Hat sie verstanden, dass das, was gerade im Wochentakt auf das Land einprasselt – von der Libyen-Debatte über die Euro-Rettung bis zur Energiewende –, zu viel ist, um sich weiterhin eine so schwache Regierung leisten zu können?

Vielleicht muss man noch einmal zurückgehen, ganz zum Anfang, um zu verstehen, an welchem Punkt diese Regierung, die eine "Wunschkoalition" war, nun angekommen ist. Bei den Koalitionsverhandlungen im Herbst 2009 war viel von einem Aufbruch die Rede; Guido Westerwelle versprach eine "geistig-politische Wende". Doch verhandelt wurde schon damals nicht über große, zukunftsweisende Projekte. Gestritten wurde über eine Frage der Vergangenheit, nämlich darüber, um wie viele Milliarden Euro die Steuern gesenkt werden könnten. Die ersten Monate der neuen Regierung vergingen damit, der FDP klarzumachen , dass gar kein Geld für Steuerentlastungen da ist. Zum Trost wurden wenigstens die Hoteliers entlastet. Dies war die erste Phase der Regierung Merkel.

Die zweite bestand darin, weitere Entscheidungen vor der Landtagswahl in NRW Anfang Mai zu vermeiden. Sie endete jäh mit der Griechenland-Krise, dem Regierungswechsel in Düsseldorf und dem Rücktritt von Horst Köhler. Auf Phase drei, einen kurzen Sommer der gegenseitigen Beleidigungen ("Gurkentruppe", "Wildsau"), folgte Phase vier, der Herbst der Fehlentscheidungen. Um der schwarz-gelben Koalition einen neuen Daseinszweck zu geben, verlängerte die Kanzlerin die Laufzeiten der deutschen Kernkraftwerke und erklärte, fortan seien die Grünen der Hauptgegner der Union. Das Ergebnis ist in Baden-Württemberg zu besichtigen: Erstmals wird ein Grüner Ministerpräsident. Eindrucksvoller ist selten eine Strategie gescheitert.

Eine "sehr gut arbeitende Koalition"? Union und FDP haben schwach angefangen und stark nachgelassen. Mit dem Scheitern ihres Atomkurses sind sie nun an einem toten Punkt angelangt. Von Schwarz-Gelb ist nichts mehr übrig außer einer rechnerischen Mehrheit – und der Angst der FDP vor dem Verschwinden. Ein schwarz-gelbes Programm hingegen existiert nicht.

Die versprochenen Steuersenkungen haben sich als liberaler Fetisch erwiesen. Die Wehrpflicht, im Koalitionsvertrag ausdrücklich bestätigt, ist de facto abgeschafft. Der Minister, der die Bundeswehrreform ins Werk setzen sollte, musste zurücktreten. Der Ausstieg aus der Atomenergie, gestern noch ein rot-grünes Hirngespinst, soll nun forciert und zum schwarz-gelben Projekt werden : Mission "Mondlandung" (FDP-Generalsekretär Lindner). Und als wenn das alles noch nicht genug wäre, steht mit der Libyen-Debatte ein weiterer Kernbestand bürgerlicher Politik infrage: die außenpolitische Bündnistreue.

Man mag die Einwände der Regierung gegen die Intervention in Nordafrika teilen oder nicht. Die Einlassungen des liberalen Entwicklungshilfeministers Dirk Niebel, wonach Franzosen, Briten oder Italiener nicht so sehr aus Furcht um das Leben der libyschen Zivilisten interveniert hätten, sondern aus Sorge um die eigenen Ölimporte, sind schändlich. Im Durcheinander dieser Tage unterstreichen sie den Eindruck, dass aus der Westerwelle-FDP keine zuverlässige Regierungspartei mehr werden wird.

Nur was wird dann werden?

So eindrucksvoll die grünen Wahlerfolge in den Ländern sind, so zögerlich ist bislang das Auftreten der Opposition in Berlin. Was weniger an den Grünen als vielmehr an der SPD liegt, die zuletzt – außer in Hamburg – auch nicht wirklich gewonnen hat. Dabei wäre dies die Stunde für eine Alternative, die die Fantasie der Wähler beflügelt und den Druck auf die Regierung erhöht. Die SPD hätte eine solche Alternative sogar im Angebot; ihr Parteichef, Sigmar Gabriel, müsste sie nur ergreifen und die eigenen Ambitionen zurückstellen. Denn Peer Steinbrück war als Finanzminister nicht nur die tragende Säule der Großen Koalition in der Finanzkrise. Er verkörpert auch vieles von dem, was der gegenwärtigen Regierung fehlt: Geradlinigkeit, Glaubwürdigkeit, Sachverstand. Die SPD müsste sich einen Ruck geben – und der Wettbewerb wäre eröffnet.

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