DIE ZEIT: Mit dem nun erscheinenden Band Orkus findet Ihr zweiter großer Romanzyklus seinen Abschluss. An beiden Zyklen, insgesamt 15 Bänden, haben Sie über 30 Jahre lang gearbeitet. Was verbindet dieses gewaltige Opus?

Gerhard Roth: Formal beschreibe ich es als eine Art Doppelhelix, etwa in Form der DNS, weil Themen und Figuren aus dem ersten Zyklus Die Archive des Schweigens im zweiten Zyklus Orkus wieder auftauchen und miteinander verschmelzen. Beide Zyklen bilden eine Einheit, und sie verfügen über Nahtstellen – die zwei Essaybände über Wien. Auf inhaltlicher Ebene stellen die Zyklen den Versuch dar, mit den Mitteln der Literatur eine Zeitepoche sichtbar zu machen, ohne dabei auf den Familienroman zurückzugreifen.

ZEIT: In beiden Zyklen haben Sie auf unterschiedliche literarische Formen zurückgegriffen.

Schriftsteller und Dramatiker Gerhard Roth

Roth: Ich habe die verschiedenen Möglichkeiten der Literatur untersucht, den Abenteuerroman, den Reiseroman, den Kriminalroman, den Essay und so weiter. Ich begann Die Archive des Schweigens mit einem Fotoband über das Leben auf dem Land und den beiden Romanen Der Stille Ozean und Landläufiger Tod, die in der Südsteiermark spielen. Dann folgten die experimentellen Romane Am Abgrund und Der Untersuchungsrichter. Es ging weiter mit einem Protokoll, in dem die Geschichte eines jüdischen Emigranten erzählt wird, der in seine alte Heimat zurückgekehrt ist.

ZEIT: Es finden sich auch Reportagen, andere Bände sind rein autobiografisch...

Roth: Die Idee der Konstruktion für beide Zyklen war die inhaltliche Struktur einer Zeitung, die ja verschiedene Stilformen beinhaltet, aber doch als eines gelesen wird. Jetzt, im Abschlussband Orkus – Reise zu den Toten habe ich alle diese Stilformen in einem Buch komprimiert: Essays, Bekenntnisse, Sprachexperimente, Beschreibungen oder kurze Porträts. Der Band ist zugleich ein Selbstporträt, Schlussstein und Navigator für alle anderen Bücher der beiden Zyklen. Er bildet die Gedankenwelt des Schriftstellers während des langen Schreibprozesses ab. Ich habe die Form eines Selbstgesprächs wie in einem Tagebuch gewählt, in dem die Themen wechseln und die Zeit aufgehoben ist.

ZEIT: Warum haben Sie Ihre Epochenchronik in zwei Zyklen unterteilt?

Roth: Der erste Zyklus behandelt fast ausschließlich Österreich. Ich habe ihn insofern mit der Ilias von Homer verglichen, als es darin um den Kampf um die Wahrheit und das Selbstverständnis Österreichs nach dem Naziregime geht...

ZEIT: ...eher die verleugnete Wahrheit.

Roth: Ja, darum habe ich die sieben Bände auch Die Archive des Schweigens genannt. Während der zweite Zyklus eher der Odyssee mit ihren unterschiedlichen abenteuerlichen Kapiteln nahekommt. Die Bücher Homers sollten mir als Ariadnefaden dienen, aber ich habe ihn nicht oft gebraucht.

ZEIT: Woher nimmt man den Mut, solch ein Monumentalprojekt zu wagen?

Roth: Ursprünglich wollte ich nur zwei Bücher schreiben. Ein Buch über das Landleben in der Zeitspanne von der Monarchie bis kurz nach dem Ende des Nationalsozialismus. Als ich damals damit anfing, 1979, gab es noch keine alles umfassende historische Darstellung, auf die ich hätte zurückgreifen können. Deshalb wollte ich mit möglichst vielen Menschen sprechen, die noch die Nazizeit selbst erlebt hatten. Und als Zweites einen Band über Wien, dabei bin ich von der Voraussetzung ausgegangen, dass die Stadt selbst ein Archiv ist, das zwar verschlossen ist, in das man aber durch Unbeirrbarkeit eindringen kann.