die Rettungsmannschaften in Fukushima seit knapp drei Wochen führen – und wohl noch monatelang durchstehen müssen. Ihr übermächtiger Gegner erinnert an die sagenhafte Hydra, das mehrköpfige, schlangenähnliche Ungeheuer aus der griechischen Mythologie. Kaum hatte Herkules mit seiner Keule einen der Köpfe zerschmettert, wuchsen prompt zwei neue nach. Ein extrem zähes Biest.

Es ist ein wahrhaft herkulischer Kampf, den

Die moderne Hydra von Fukushima hat sieben speiende Köpfe: drei schwer havarierte Reaktoren und vier volle Abklingbecken. In ihnen glühen insgesamt über 4.000 Brennelemente. Sie versorgen das Monster mit immer neuer Energie: Denn die zerfallenden Spaltstoffe nähren in den Brennelementen ein nukleares Dauerfeuer, das nur sehr langsam abklingt. Einfach löschen kann man es nicht. Nicht in vier Wochen. Nicht in vier Monaten. Nicht in vier Jahren. Selbst nach einem Jahrzehnt strahlt jedes Brennelement noch so stark, dass ein ungeschützt daneben stehender Mensch getötet würde. In Fukushima gibt es insgesamt mehr als 14.000 solcher Elemente, knapp die Hälfte davon im Zwischenlager. Fast alle waren zeitweise wegen mangelnder Wasserkühlung gefährdet.

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Allein die abgebrannten Brennstäbe im Abklingbecken des Reaktorblocks 4 setzen noch mehrere Megawatt Energie frei – so viel wie ein großes Offshore-Windrad unter Volllast. Deshalb versuchen die Rettungsmannschaften mit ihrem heldenhaften Einsatz von Pumpen, Schläuchen und Spritzen die sieben Hydraköpfe mit Wasser zu kühlen. Nur so lässt sich ihr radioaktives Speien dämpfen.

Kühlen, kühlen und noch mal kühlen, so lautet die Devise für die nächsten Jahre. Sobald aber die notdürftig improvisierte Wasserzufuhr an nur einem der sieben Gefahrenherde wegbricht, heizt sich dieser durch die nukleare Nachwärme wieder auf. Dann drohen erneute Überhitzung, Entzündung frei liegender Brennelemente, gar Explosionen – und damit radioaktive Verschmutzung.

In den täglichen Meldungen vom Unglücksort dominiert zwar das Problem der Strahlenbelastung. Die Schicksalsfrage für Fukushima ist jedoch eine andere: Lässt sich die Hitze des nuklearen Nachglühens dauerhaft in den Griff bekommen – oder kommt es doch noch zum Super-GAU?

In ihrem Kampf gegen die stets drohende Eskalation wurden die Retter in den vergangenen Tagen immer wieder durch austretende Strahlung gebremst. Sollten sie ihre Anstrengungen schlimmstenfalls ganz aufgeben müssen, könnte die Anlage völlig aus dem Ruder laufen. Kühlung und Strahlung, Flicken und Flüchten – dieses Dauerdrama dürfte die Welt noch lange in Atem halten. Selbst wenn die Katastrophe am Ende noch relativ glimpflich ausgehen sollte.

Ein epischer Kampf mit offenem Ausgang also. Dabei konnte, wer die ersten zweieinhalb Wochen des Dramas (bis Redaktionsschluss am Dienstagabend) Revue passieren ließ, aus den nüchternen Daten durchaus Fortschritte herauslesen: Denn die schlimmsten Schreckensmeldungen kamen gleich zu Anfang. Auf die vier schweren Explosionen , die an den Blöcken 1, 3 und 4 die Reaktorgebäude zerstörten und im Block 2 den wichtigen Sicherheitsbehälter beschädigten, folgten Brände, vor allem im Abklingbecken des Blocks 4.

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Dabei wurde massiv Radioaktivität freigesetzt , die sich auch weit im Hinterland niederschlug. Nach dem 19. März stiegen dann zwar immer wieder Rauch und Dampf aus den vier Ruinen auf, aber weitere spektakuläre Ereignisse blieben aus. Das war zumindest ein Indiz dafür, dass die Notkühlung der sieben Glutnester funktionierte, zunächst mit Meerwasser, später mit Süßwasser in den Reaktoren. Deren Druck- und Temperaturdaten stabilisierten sich, sanken teilweise sogar, so wie auch die Radioaktivitätsmessungen an mehreren Fixpunkten auf dem Kraftwerksgelände. Die Japaner, so schien es, bekamen ihre Hydra allmählich in den Griff. 

"Die Lage ist nach wie vor äußerst kritisch", warnt jedoch Joachim Knebel, Chefwissenschaftler und Nuklearexperte am Karlsruher Institut für Technologie. "Und das gilt so lange, wie keine reguläre Kühlung der Reaktoren und Abklingbecken gewährleistet ist." Dazu kämen die besorgniserregend hohen Mengen an Radioaktivität in den Reaktor- und Turbinengebäuden. Es geht um jenes verseuchte Wasser, dessen Strahlung seit dem vergangenen Wochenende die Arbeiten so erschwert. Man könne, so Knebel, "nur spekulieren, wo diese herkommt".