Etwas Besseres als die UN-Resolution 1973 hätte dieser Ausstellung nicht passieren können. Seit westliche Kampfflugzeuge mit offizieller Genehmigung der Weltgemeinschaft die Flugverbotszone über Libyen kontrollieren, sind Bilder vom Krieg heiße Ware. Und eben nicht nur die von der Front, sondern auch die aus dem Museum. Schon am Tag vor der Eröffnung der Ausstellung Serious Games. Krieg. Medien. Kunst geben sich die TV-Teams auf der Darmstädter Mathildenhöhe die Klinke in die Hand, alle auf der Suche nach neuen, unverbrauchten, ganz anderen Ansichten vom Leben und Sterben der Soldaten. Im Büro des Museumsdirektors Ralf Beil erkundigen sich schon interessierte Lehrer, ob die kulturell wertvolle Waffenschau auch Ballerspiel-erprobten Schülern genug Action bieten könne.

Etwas Schlimmeres als die UN-Resolution 1973 hätte dieser Ausstellung nicht passieren können. Denn nun müssen die Exponate, entstanden zum Teil vor Jahrzehnten, plötzlich mit den täglich aktualisierten Schlachtengemälden der Medien konkurrieren. Kunst soll Antworten geben auf das jüngste Gemetzel, von dem die Künstler nichts wissen konnten. Hat die Kunst im Kampf um Aufmerksamkeit und Aufklärung überhaupt noch eine Chance gegen atemlos verwackelte YouTube-Videos von tapferen Rebellen und Dauerbeschuss?

Sie hat. Manchmal. Denn die Kuratoren Antje Ehmann und Harun Farocki, beide selbst Künstler, versuchen erst gar nicht, die 23 von ihnen ausgewählten Positionen in Stellung zu bringen gegen das vermeintlich "echte" Material. Sie wollen vielmehr wissen, wie die Bilder beschaffen sind, die der Krieg erzeugt, wie neue Medien auf dem Schlachtfeld benutzt werden, wie die Fantasie der Betrachter militarisiert wird. Dass jeder moderne Krieg auch ein Krieg der Bilder ist, ist eine Binse, nicht erst, seit Verteidigungsminister Fernsehtalkshows an der Front organisieren. Schon 1942 saß eine Kamera auf der deutschen Gleitbombe HS 293 D; ein halbes Jahrhundert später, in den Irak-Kriegen I und II, versuchten die Alliierten mithilfe filmender Bomben, die Welt von der chirurgischen Präzision ihrer Angriffe zu überzeugen. Und mit der Veröffentlichung des Collateral Murder -Videos wurde selbst ein Kleinstbetrieb wie WikiLeaks zur Weltmacht.

Insofern wirkt es zunächst nicht besonders originell, wenn zu Beginn der Ausstellung Oliver van den Bergs Kamera wie ein Maschinengewehr auf einer Drehringlafette den Besucher aufs Korn nimmt. Und doch entwickelt die Arbeit einen Hintersinn: Die gesamte Skulptur ist mit hingebungsvoller Präzision aus Holz gemacht. In der Ikea-Optik wird das Selbstverständliche – auch die Kamera ist eine Waffe – plötzlich fremd, und es stellt sich die Frage, welche Wahrheit wir uns mit unseren hölzernen Bildern vom Krieg eigentlich zurechtzimmern.

Den Kniff, mit einer Bearbeitung des bekannten Materials neue Aufmerksamkeit zu erzeugen, verwenden gleich mehrere Künstler. Der Ägypter Wael Shawky zum Beispiel lässt in seinem Video Larvae Channel 2 ein altes palästinensisches Ehepaar von seinem Flüchtlingsleben erzählen – eine oft gehörte, in zahllosen Dokumentationen gesehene Geschichte. Doch Shawky hat den Film mit einem Animationsprogramm bearbeitet, und plötzlich, als Trickfilmhelden, lassen einen die alten Leute nicht mehr los (eine Technik ähnlich der in Ari Folmans für den Oscar nominierten Kriegsfilm Waltz with Bashir). Wie ein Wechsel des Mediums plötzlich die Augen öffnen kann, führen am eindringlichsten einige der "Kriegsteppiche" aus Afghanistan vor. An die Stelle von traditionellen Mustern mit Pflanzen und Tieren treten Panzer, Hubschrauber, Flugabwehrgeschütze, Handgranaten. Dass eine über Jahrtausende unveränderte Kulturtechnik als erste moderne Motive überhaupt Waffen aufnimmt, sagt mehr und Verstörenderes über die Alltäglichkeit des Krieges als viele Hightech-Spektakelbilder.

 

In vier Hallen und dem gigantischen Wasserspeicher unter dem Darmstädter Museumsgebäude führt die Ausstellung verschiedene Strategien vor, in der Bilderflut noch Position beziehen zu können. Da werden entlarvende Details wandgroß aufgeblasen, Ikonen der Kriegskunst zu Bastelarbeiten verfremdet, die Kämpfe um wertvolle Rohstoffe als überdimensionaler Bild-Roman aus Piktogrammen und Statistiken erzählt. In Facebook setzt der Franzose Gregory Cumins den schnellen, digitalen Bildern die Langsamkeit großformatiger Ölgemälde entgegen. Umgeben von grenzenlosem Weißraum, stehen Porträts irakischer Kinder verloren in der Bildmitte. Cumins hat sie aus den Schnappschüssen amerikanischer Soldaten abgemalt; eine seltsam zärtliche Geste, mit der diese wehrlosen Opfer ins Visier unserer Aufmerksamkeit gelangen sollen.

Weit weniger gelungen sind all die gut gemeinten Variationen von Ballerspielen wie Tomb Raider oder Quest for Saddam. Sie können sich von der Bildmacht der Vorlagen kaum lösen. Lediglich Harun Farockis vierteilige Video-Dokumentation Serious Games , die der Ausstellung den Titel und einen roten Faden gibt, entwickelt einen eigenständigen Blick auf den Zusammenhang zwischen Militär- und Unterhaltungsindustrie. Der ist evident, seit General Norman Schwartzkopf seine Truppen mithilfe eines Videospiels auf den Einsatz im Irak vorbereitete und das Pentagon 50 Millionen Dollar in das Institute for Creative Technology in Los Angeles investierte, in dem Profis aus der Filmbranche an der digitalen Simulation moderner Kampfsituationen arbeiten. Farocki zeigt das Ergebnis solcher Kooperationen: Marines, die am Laptop in einem digitalen Afghanistan den Ernstfall üben. Die Technik suggeriert die absolute Beherrschbarkeit der Ausnahmesituation; wer hier fällt, lehnt sich nur leicht genervt im Bürostuhl zurück. Auch der Gegner ist bloß eine Spielfigur, die ein Ausbilder nach Belieben in der Landschaft platziert. Kein Wunder, dass die Soldaten von den echten Schlachtfeldern traumatisiert zurückkehren. Dann werden sie mit der gleichen Software therapiert: In Serious Games III zeigt Farocki, wie Militärpsychologen ihre Patienten unter dem Datenhelm noch einmal im Cyberspace jene Szenen erleben lassen, die sie aus der Bahn warfen. Die Selbstverständlichkeit, mit der all das geschieht und die Farocki in seinen kommentarlosen Dokumentationen nüchtern wiedergibt, sind beklemmender als viele (pseudo-)realistische Kriegsbilder.

Konsequent endet die Ausstellung mit einem Nicht-Bild. Die Fotografen Adam Broomberg und Oliver Chanarin, mit der britischen Armee embedded in Afghanistan unterwegs, verweigerten sich der täglichen Hatz nach dem besten Schuss. Für ihre Serie The Day Nobody Died nahmen sie keine Kamera mit an die Front, sondern lediglich eine 50-Meter-Rolle Fotopapier, die sie nach und nach in der Sonne belichteten. Auf den Fotogrammen sind nur noch abstrakte Farbflecken zu sehen – eine radikale Geste der Verweigerung, aber auch der Ohnmacht: Von den Schrecken des modernen Krieges lässt sich kein Bild mehr machen.

Mathildenhöhe Darmstadt, bis zum 24. Juli. Der Katalog kostet 29,80 Euro