DIE ZEIT:Herr Walser , mit welchen Gefühlen haben Sie am Wahlabend Fernsehen geschaut?

Martin Walser: Mit gemischten. Mir ist das Triumphgeheul, mit dem über die Besiegten hergezogen wird, immer fremd gewesen. Es ist Geschmackssache, ob man die Selbstzufriedenheit von Claudia Roth an solch einem Abend als angenehm empfindet.

ZEIT: Und was denken Sie über die Sieger ?

Walser: Es ist natürlich ein Glücksfall für die Grünen . Aber ein verdienter.

ZEIT: War das für Sie eine Revolution?

Walser: Nein, Revolution ist ein Begriff, mit dem ich vorsichtig bin. Ich würde eher von einer Addition sprechen. Stuttgart 21 , die Politik der Mappus-Regierung und jetzt Fukushima haben zusammengenommen dazu geführt, dass die Grünen diesen starken Rückenwind bekommen haben. Aber man muss ihnen diesen Sieg wirklich gönnen.

ZEIT: Warum?

Walser: Weil sie sich eine weltanschauliche Empfindlichkeit, die ich so nicht habe, über dreißig Jahre bewahrt haben. Das hatte für mich, der ich da nicht so angstbesetzt war, zeitweise etwas Skurriles, fast Sektenhaftes, wie sie immer wieder auf die Gefahren der Atomkraft hingewiesen haben. Aber nun wird aus dem Beharrungsvermögen durch die Apokalypse in Japan plötzlich politisches Kapital. Mein Drama-Gefühl freut sich darüber.

ZEIT: Welche Rolle hat Stuttgart 21 Ihrer Meinung nach gespielt ?

Walser: Eine mindestens so große wie Fukushima. Da haben die Menschen im Land gespürt, dass die Regierung durch die Jahrzehnte der Macht unempfindlich geworden war gegenüber ihren Wünschen. Die Wasserwerfer haben viel Vertrauen fortgespült.

ZEIT: Sie haben auf Erwin Teufel ein Gedicht geschrieben. Könnte das auch Ihrem nächsten Landesvater Winfried Kretschmann blühen?

Walser: Erwin Teufel ist aus Rottweil, Kretschmann aus Sigmaringen, und die beiden liegen auch politisch und menschlich nicht so weit auseinander. Ja, wenn ich Herrn Kretschmann im Fernsehen anschaue, erinnert mich das an Teufel. Das scheint mir ein wirklich freundlicher Repräsentant zu sein. Mir geht es immer um Personen, nicht um Parteien. Und bei Herrn Kretschmann bin ich schnell daheim, das muss ich sagen.

ZEIT: Steht er nicht eigentlich eher für konservative Werte als der abgewählte Stefan Mappus von der CDU?

Walser: Ach, wenn man bei einem Adjektiv solche Definitionsschwierigkeiten hat wie wir im Moment bei dem Wort "konservativ", dann sollte man es lassen. Das ist eine Lehre aus dem Schreiben für das Leben.

Das Gespräch führte Florian Illies