Weibliche Bescheidenheit, denkt man sofort. Nur nicht auffallen, nur keine Aufmerksamkeit erregen. Da gründen zwei Frauen ein millionenschweres Unternehmen, gehen mit Produkten an den Markt, die weltweit kein anderer herzustellen vermag, aber sie verstecken sich. Im Technologie- und Gründerzentrum Halle jedenfalls gibt es nicht einen einzigen Hinweis auf ihre Existenz. Kein Namensschild, kein Firmenlogo, nicht mal einen Klingelknopf. Um dem Rätsel der Firma Smartmembranes dennoch etwas näher zu kommen, ruft man Monika Lelonek auf dem Handy an. Aus dem zweiten Stock kommt sie die Treppen hinunter, lange dunkelblonde Haare, hohe Stiefel, enge Jeans, Typ Geschäftsfrau – und schließt die schwere Tür auf. Ihre Partnerin Petra Göring, die dunklen Locken streng nach hinten gebunden, trägt noch den weißen Laborkittel, als sie mit gehetztem Gesichtsausdruck ins Büro kommt. Nein, viel Zeit zum Reden habe sie nicht. Drüben im Labor arbeite sie gerade eine neue Mitarbeiterin ein, die sie nicht allein lassen könne.

Zwei Frauen, die lieber arbeiten als reden und die sich und ihre Arbeit nicht besonders genug finden, um darüber viele Worte zu verlieren. Nanotechnologie in ihrer Winzigkeit verlangt nicht nur dem Vorstellungsvermögen eines Laien eine Menge ab, auch der Geduld der beiden Expertinnen, die sie erklären sollen. Hoch poröse Membranen aus Aluminiumoxid und Silizium wollen Monika Lelonek und Petra Göring auf den Weltmarkt bringen – mit Poren, die bei der kleinsten Ausführung einen Durchmesser im zweistelligen Nanometerbereich aufweisen, was zum Beispiel bei der Filtration von Gas, Luft, Blut, Staub, Bakterien oder Viren ganz neue Möglichkeiten bringt. Ein Nanometer ist das Millionstel eines Millimeters. Die beiden Chemikerinnen können den Durchmesser und die Anordnung der Poren mit einer so hohen Genauigkeit einstellen wie noch kein zweites Unternehmen auf der Welt.

Monika Lelonek und Petra Göring haben sich nicht gesucht und trotzdem gefunden. Ohne voneinander zu wissen, haben sie sich viele Jahre ihres Wissenschaftlerlebens mit dem gleichen Thema beschäftigt: Wie und wo finden Aluminiumoxidmembranen eine sinnvolle Anwendung. Dass es für ihre Forschung auch einen Markt geben würde, das ahnten beide. Monika Lelonek, 32, in ihrem Labor in Münster und Petra Göring, 40, die an der Uni Halle forschte. Während Lelonek, die im Nebenfach auch BWL studiert hatte, noch an ihrer Doktorarbeit schrieb und sich manchmal bereits aus dem Forschungslabor herausträumte, hatte sich Petra Göring ganz gut eingerichtet in der männlich dominierten Welt der Nanotechnologie. Auch wenn es für die dreifache Mutter nicht unbedingt die sicherste Existenz bedeutete, sich von einem Forschungsprojekt und von einem Drittmittelantrag zum nächsten zu hangeln.

Irgendwann vor fast vier Jahren bekamen Lelonek und Göring dann einen Brief von Ilka Bickmann. Die Expertin für Wissenschafts-Kommunikation schreibt in jedem Jahr rund 500 bis 1000 Briefe an Chemikerinnen, Biologinnen, Physikerinnen, Ingenieurinnen – an Frauen aus der Nanotechnologie. Seit fünf Jahren organisiert Bickmann gemeinsam mit dem Institut für Physik der Universität Halle die Nano-Entrepreneurship-Academy , kurz NEnA. Die Initiative will gute Ideen aus den Nano-Laboren auf ihre Innovations- und Martktfähigkeit prüfen und den Frauen gleichzeitig zeigen, dass mehr in ihnen steckt als die wissenschaftliche Mitarbeiterin von Professor XY. 91 Frauen haben seit 2006 an der Initiative, die im Rahmen des Aktionsprogramms Power für Gründerinnen des Bundesministeriums für Bildung und Forschung entstanden war, teilgenommen.

Trotzdem gingen aus NEnA bisher nur zwei Unternehmen hervor, sechs weitere Ideen befinden sich in der Gründungsphase. "Es ist die Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen", sagt Ilka Bickmann, denn angesichts der guten Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt werde es komplizierter, die Frauen aus ihren Laboren herauszulösen und ihren Blick zu öffnen für eine berufliche Perspektive außerhalb der Wissenschaft. "Die meisten haben es gar nicht nötig, sich mit dem Thema Selbstständigkeit zu befassen. Gerade in der Nanotechnologie können sich gute Naturwissenschaftlerinnen die Jobangebote inzwischen aussuchen ."

Von einer neuen Gründerinnenmentalität sei man da gerade wieder weit entfernt, meint Bickmann. Kein Wunder – Gründungen im Hightech-Bereich sind kapital- und zeitintensiv. Oft geht es nicht nur um mehrere Millionen Investitionsvolumen, sondern auch um eine Gründungsphase von fünf bis zehn Jahren, bis das Unternehmen überhaupt erste Umsätze bringt. Wer verlässt da schon gerne freiwillig den Schutzraum Forschungslabor? "In den Spitzentechnologien liegt der Anteil der weiblichen Gründer gerade mal bei zwei Prozent", sagt Ilka Bickmann. "Da bleibt jede Menge Potenzial unentdeckt."