Eine Riege von Versagern

Japan und Libyen haben derzeit etwas gemeinsam. Erst müssen vor Ort die Leute verzweifeln und nach Gott rufen, bis internationale Hilfe winkt. "Ich denke schon über den schlimmstmöglichen Fall in Fukushima nach, aber mehr darüber weiß nur Gott", ereiferte sich der japanische Vize-Minister für Wirtschaft und Industrie, Motohisa Keda, zu Wochenbeginn im japanischen Parlament. Es war ein Ausbruch der Hilflosigkeit nach knapp drei Wochen Krisenmanagement in der wohl größten japanischen Atomkatastrophe seit Hiroshima und Nagasaki. Kurz darauf gab es endlich Anzeichen, dass die Internationale Atomenergie-Organisation in Wien (IAEA) ein Expertenteam nach Tokyo schicken wollte. Es ist höchste Zeit.

Noch sind nur Episoden und Einzelheiten von dem bislang chaotischen Kampf bekannt, den die japanischen Verantwortlichen in den vergangenen Wochen gegen die dramatischen Kernschmelzen in Fukushima führten. Die Welt sah zu, wie Hubschrauber mit Wasserkanistern und Feuerwehrautos mit langen Schläuchen das schwelende Atomfeuer im Herzen der havarierten Reaktoren niederzuhalten versuchten. Schon diese Aktionen waren Verzweiflungstaten, die sich in keinem Lehrbuch der Atomwissenschaft finden. Sie waren Ausdruck eines immensen Chaos im Hintergrund, von dem bisher wenig bekannt ist.

Allmählich aber ergibt sich ein Gesamtbild des japanischen Krisenmanagements in Fukushima, über das immer mehr Experten den Kopf schütteln. Der Hauptvorwurf: mangelnde Verantwortungsbereitschaft. Fehlerhafte Abstimmung und eine unklare Kompetenzverteilung zwischen Regierung, Sicherheitsaufsicht und AKW-Betreibern verhindern koordinierte, durchdachte Aktionen. Am Unfallort werden deshalb lediglich Ad-hoc-Maßnahmen ohne mittel- und langfristigen Plan unternommen. Zugleich lässt man die Bevölkerung über das mögliche Ausmaß der Katastrophe im Unklaren . Das Ergebnis: Auch nach drei Wochen weiß niemand, auf welchem Weg Radioaktivität aus den Reaktorkernen in die Umwelt gelangt. Auch nach drei Wochen ist die japanische Öffentlichkeit völlig unvorbereitet auf die nun zunehmende radioaktive Verseuchung .

Von einer großen Konfusion in Regierung und Bürokratieapparat spricht der Energieexperte Tetsunari Iida, Exekutivdirektor des Instituts für nachhaltige Energien in Tokyo. Iida weiß, wovon er redet. Als energiepolitischer Berater der regierenden Demokratischen Partei Japans (DPJ) hat er auch während der Krise den direkten Kontakt zu Mitgliedern des Kabinetts. "Das ganze Kabinett ist extrem verärgert und kommt nicht zur Ruhe", sagt Iida über seine Gespräche mit den Regierenden. "Sie hören mir zu, aber sie sind unfähig zu handeln."

Bislang war die Öffentlichkeit Zeuge des Bruchs zwischen Premierminister Naoto Kan und dem Betreiber der AKWs in Fukushima, Tepco (Tokyo Electrical Power Company) . Ein erzürnter Kan besuchte in der ersten Krisenwoche das Tepco-Hauptquartier in Tokyo und schrie die Atommanager an, weil sie seiner Regierung nicht genügend Informationen lieferten. Daraufhin ließ Kan einen gemeinsamen Notstab mit Tepco einrichten. Iida sieht darin inzwischen einen entscheidenden Fehler. Denn in dem Krisengremium herrscht nun gegenseitiges Misstrauen. Dabei spielte eine Rolle, dass der Premierminister, der einmal an der Technischen Universität Tokyo Physik studiert hat, auch bei technischen Fragen mitreden will. "Kan ist aber kein Experte", sagt Iida. Über die schwierigen Fragen, was an den Reaktoren in Fukushima konkret zu tun sei, verliere Kan den Überblick. Zudem schüchtere seine Präsenz die Tepco-Manager ein und behindere ihre Entscheidungen, sagen Beobachter in der Regierungszentrale.

Japan, so behaupten Insider, scheitere in der Atomkrise an seinem alten Konflikt zwischen Politik und Bürokratie. "Kan und die DPJ kamen vor zwei Jahren mit der festen Überzeugung an die Regierung, dass die Politik in Japan mehr Initiative gegenüber der Bürokratie ergreifen muss. Jetzt aber führt das nur zu einem großen Durcheinander", sagt einer, der seit Beginn der Krise jeden Tag im Amtssitz des Premierministers verbrachte.

Ein Beispiel für das Chaos ist Kans Umgang mit der japanischen Atomsicherheitsbehörde Nisa (Nuclear and Industrial Safety Agency). Die Nisa ist eigentlich dafür zuständig, bei einem Atomunfall die richtigen technischen Anweisungen an die AKW-Betreiber zu geben. Doch gilt sie bei unabhängigen Beobachtern als Achillesferse der japanischen Atomwirtschaft. Denn in der Nisa führen nicht echte Fachleute, sondern ehemalige Bürokraten aus den für die Atomwirtschaft zuständigen Ministerien das Wort. Sie sind in ihrem Urteil abhängig von den Vorgaben der Betreiber. Nun aber schwächte Kan die Sicherheitsbehörde noch zusätzlich, als er sich während der Krise das profilierteste Nisa-Mitglied als persönlichen Berater abstellen ließ.

 Die zweite Wasserstoffexplosion war absehbar. Doch Tepco blieb untätig

Seitdem sind die täglichen Pressekonferenzen der Nisa das Peinlichste, was den Japanern an Krisenbekämpfung geboten wird. Dort liest seit dem Tag des großen Erdbebens ein ehemaliger Bürokrat des Wirtschaftsministeriums mit leiser, kaum verständlicher Stimme von Zetteln ab, ohne auch nur einmal in die Kamera zu schauen. Dabei spricht der Mann als einziger Offizieller von den konkreten Gefahren, die sich am Unfallort in Fukushima stellen. Doch er redet vor sich hin, als dächte er, ihm höre niemand zu.

Ein ähnliches Erscheinungsbild liefert Tepco. Kein Chefmanager des Konzerns steht der Öffentlichkeit bisher Rede und Antwort. Nur ein niederer Pressesprecher führt das Wort.

Das alles störte nicht weiter, wenn der fünftgrößte Energiekonzern der Welt jetzt Entschlossenheit und Handlungsfähigkeit unter Beweis stellen würde. Doch das ist schon seit dem ersten Tag der Krise nicht der Fall. Zwar meldete Tepco die zunächst drohende Kernschmelze in Reaktor Nummer zwei des Daiichi-Komplexes in Fukushima schon am 11. März um 22.30 Uhr, sechs Stunden nach dem Erdbeben. Zu diesem Zeitpunkt waren alle Kühlungssysteme am Reaktor zwei bereits ausgefallen. Doch dann verschob das Unternehmen alle Notkühlungsversuche mit Meerwasser auf den Nachmittag des 12. März, als eine Wasserstoffexplosion in Reaktor eins die AKW-Manager vom Ernst der Lage überzeugte.

Zuvor verzichteten die Tepco-Verantwortlichen auf die Meerwasserkühlung, denn damit werden die Reaktoren für immer unbrauchbar. Auch traute sich offenbar niemand, Premierminister Kan von einem Inspektionsflug per Hubschrauber über Fukushima am Morgen nach dem Beben abzuhalten. Dann hätte man früher radioaktiven Dampf aus den schmelzenden Reaktoren ablassen können. Die verlorene Zeit war später nicht wiedergutzumachen. "Der Zeitverlust ganz zu Beginn reduzierte die Handlungsoptionen, um die Krise zu begrenzen", räumt ein regierungsnaher japanischer Atomexperte ein.

Auf den ersten Fehler folgten weitere. Die zweite Wasserstoffexplosion in Reaktor drei, drei Tage nach dem Beben, war absehbar. Doch Tepco blieb untätig. "Gerade nachdem die Ernsthaftigkeit der Probleme klar war, hätte Tepco die Lage offen und ehrlich erklären müssen. Stattdessen haben sie sich selbst belogen", sagt der ehemalige Atomingenieur Masashi Goto, der für den Reaktorbauer Toshiba einst die Verantwortung für die Sicherheit der Reaktorbehälter in Fukushima trug. Goto ist ein Branchenaussteiger, der seine Meinungen bis zum Beginn der Krise für sich behielt. Doch das Versagen der von ihm mit konzipierten Reaktoren bewog ihn nun, mit seiner Kritik an die Öffentlichkeit zu gehen. Für ihn zeigt sich dieser Tage eine systematische Schwäche der Sicherheitssysteme in japanischen Atomkraftwerken.

Sicherheitsspezialisten wie er sind immer nur für einen einzigen Teil der Anlage verantwortlich: einer für den Reaktor, ein anderer für die Pumpen, wieder ein anderer für die Abklingbecken. Oberhalb der Spezialisten haben eher allgemein geschulte Manager das Sagen. Geht nur ein Teil kaputt, ist das kein Problem. Versagen aber wie jetzt alle Teile der Anlage, gibt es keine kohärente Verfahrensstrategie. Goto erklärt sich so, dass zum Beispiel die Gefahr aus den Abklingbecken für die Brennstäbe der Reaktoren, die auch leckten, erst spät erkannt wurde. Zunächst hätten wohl alle nur nach den Reaktorspezialisten gefragt. "Es ist vor Ort schwierig für den einen, sich in das Gebiet des anderen einzumischen. Aber gerade das ist jetzt nötig", sagt Goto.

Noch problematischer sind aus Sicht des Energieexperten Iida die bürokratischen Entscheidungsstrukturen für die Reparaturmaßnahmen. "Die wirklichen Experten vor Ort können jetzt nichts mehr alleine unternehmen. Sie brauchen für alles eine Erlaubnis von ganz oben", analysiert Iida. Das heißt, jedes Mal wird nun der Tepco-Apparat in Tokyo gefragt. Dort müssen die Verantwortlichen nicht nur auf die Einsprüche des Premierministers gefasst sein. Sie selbst sind es nach Expertenmeinung gar nicht gewohnt, über große Eingriffe am Reaktor eigenständig zu entscheiden.

Das geschieht in der Regel erst nach ausführlichen Konsultationen mit Reaktorherstellern wie Toshiba. Das wirtschaftlich oft so erfolgreiche Konsensprinzip japanischer Unternehmen erstreckt sich in der Atomwirtschaft noch weiter als in anderen Branchen: nicht nur innerhalb eines großen Konzerns wie Toyota, sondern über Elektrizitätsversorger, AKW-Hersteller, Wirtschaftsministerium und Sicherheitsbehörde hinweg. Gewöhnlich entscheiden die Manager langfristig und harmonisch. In der Krise aber sind kurzfristige Entscheidungen gefragt, und die kommen schlicht nicht zustande.

 Die Pressemitteilungen von Regierung und Betreiber gleichen sich aufs Wort

Anders kann derzeit niemand erklären, warum sich Tepco letztlich zur Meerwasserkühlung seiner Reaktoren entschloss, aber nicht im gleichen Moment Vorsorge für die Beschaffung von Süßwasser für die weitere Kühlung traf. Denn nun kristallisierte sich Meersalz auf der Oberfläche der Brennstäbe in den Reaktoren und behindert bis heute deren effiziente Kühlung. Schnellere Zufuhr von Süßwasser hätte geholfen, das Problem zu mindern.

Die Distanz zwischen dem bürokratischen Apparat von Tepco in Tokyo und dem Geschehen in Fukushima macht sich auch in der Behandlung der Reparaturarbeiter bemerkbar. Als drei von ihnen bei einem Einsatz in der vergangenen Woche schwer radioaktiv verseucht wurden, entschuldigte sich Tepco zwar. Doch nur wenig später behauptete die Firma, sie seien gesund aus dem Krankenhaus entlassen worden. Diese Ignoranz gegenüber möglichen Spätfolgen der Verstrahlung ist typisch.

Tepco setzt bei AKW-Unfällen in der Regel keine eigenen Angestellten für die Reparaturarbeiten ein. Stattdessen wird das schlecht bezahlte Personal von Lieferanten, sogenannte Atom-Zigeuner, mit den gefährlichsten Aufgaben betraut. Schon in den siebziger Jahren starben Hunderte von ihnen an der Strahlenkrankheit. Auch die drei in Fukushima verseuchten Arbeiter waren Angestellte einer kleinen Firma. "Es tut mir um die Leute furchtbar leid. Sie riskieren ihr Leben", sagt Ex-Atomingenieur Goto. "Aber wenn es sie nicht gäbe, würde jetzt gar nichts gehen."

Neben den Reparaturarbeiten lahmen auch die Katastrophenschutz-Maßnahmen. Mehr als zwei Wochen benötigten die Ministerialbürokratien von Wissenschafts- und Erziehungsministerium, bis sie auf ihrer für solche Notfälle vorgesehenen Website Speedi erste radioaktive Messwerte für Luft, Wasser, Milch und Gemüse veröffentlichten. Die Messungen werden aber nicht systematisch durchgeführt. "Wir brauchen Messungen, die im Minuten- und Stundentakt zeitnah veröffentlicht werden", fordert Energieexperte Iida.

In dieses Horn stößt nun auch die Opposition in Tokyo. "Alle Angaben über die frei gewordene Radioaktivität sind sporadisch. Damit wollen Regierung, Tepco und Nisa die Verantwortung für die Verstrahlung von sich weisen", kritisiert Taro Kono, stellvertretender Generalsekretär der Liberaldemokratischen Partei (LDP), die Japan bis 2009 über ein halbes Jahrhundert fast ununterbrochen regierte. Kono ist einer der kommenden Männer seiner Partei – und ihr Atomexperte. Er findet es lächerlich, wie sich die Pressemitteilungen von Regierung, Tepco und Nisa oft aufs Wort gleichen.

Die Regierung müsse führen, Tepco handeln, die Nisa kontrollieren, so Kono. Doch eigentlich müsste er selbst am besten wissen, dass es gerade diese Arbeitsteilung unter den Liberaldemokraten nie gab: Stattdessen regierte das sogenannte "eiserne Dreieck" aus Politikern, Bürokraten und Unternehmern. Was diesem Dreieck immer fehlte, fehlt Japan auch heute noch in der Atomkrise: gegenseitige Kontrolle, Transparenz, Vertrauen in die Öffentlichkeit. Deshalb spitzt sich die Lage immer weiter zu: Plutonium wird im Boden von Fukushima entdeckt – ohne jegliche öffentliche Vorwarnung vor dem besonders radiotoxischen Stoff. Seit dem 11. März laufen die Verantwortlichen den Ereignissen stets einen Schritt hinterher. Einen Plan für die nächsten Tage, geschweige denn Wochen und Monate scheint niemand zu haben.

Deshalb wird nun der Ruf nach internationaler Hilfe immer lauter. "Unterstützung aus dem Ausland ist absolut notwendig, auch um das Vertrauen der Bevölkerung in die Atomtechnik wiederherzustellen", sagt LDP-Mann Kono, sonst eher ein Nationalist. Die Experten stimmen ihm zu. "Wir brauchen ein internationales Superteam aus den besten Atomspezialisten der Welt, um den Unfall in Fukushima unter Kontrolle zu bringen", sagt Energieberater Iida. Er fordert das allerdings schon seit knapp 14 Tagen, und bisher geschah – nichts. IAEA-Chef Yukiya Amano, selbst Japaner, besuchte Tokyo zwar, hüllte sich vor Ort aber in wolkige Solidaritätserklärungen gegenüber der japanischen Regierung. Zehn Kilometer vom Unfallort entfernt bargen Rettungsarbeiter jetzt in dem Städtchen Okuma eine Tsunami-Leiche. Sie war so verstrahlt, dass die Arbeiter sie nicht anfassen konnten.