Wer sich für Zeichnungen interessiert, der muss dieses Wochenende nach Paris reisen. Alljährlich pilgern Museumskuratoren, Zeichnungsexperten und Sammler in die klassizistische Pariser Börse zum Salon du dessin, der nobelsten Spezialmesse im Sektor Alte Kunst. Vor 20 Jahren gegründet, gestattet der Salon neuerdings sogar, dass die Gegenwartskunst – behutsam dosiert – einziehen darf. Wer hier ausstellen will, kann sich nicht bewerben, sondern wird von einem erlesenen Pariser Händlergremium eingeladen. Bis zum 4. April demonstrieren einmal mehr 39 Messestände – darunter fünf deutsche –, wie stabil die kleine Welt der Handzeichnungen ist, in der ein wirklich gutes Blatt stets seinen Abnehmer findet.

Zu den Teilnehmern des Salons zählt traditionell die Kunsthandlung Arnoldi-Livie, die, am Hofgarten der Münchner Residenz beheimatet, längst in der internationalen Spitzenliga spielt. Dieses Mal überrascht das Kunsthistorikerpaar mit 29 Zeichnungen aus der Sammlung von Michael Berolzheimer, die schon im Vorfeld großes Interesse geweckt haben. Etwa für das seltene und schöne, rund 30000 Euro teure Blatt Bernardino Laninos, eines Lombarden aus dem Umkreis Leonardos. Nicht nur diese Zeichnung, bestechend in ihrem malerischen Hell-Dunkel, fand bereits vor der Messe einen Käufer. Der süddeutsche Barockmaler Johann Georg Bergmüller glänzt mit einer virtuos rhythmisierten Szene der Klostergründung Steingaden. Der 1739 entstandene, perfekt durchformulierte Entwurf diente als Vorlage für das Deckenfresko der Klosterkirche und wandert nun in ein amerikanisches Museum.

Beim Verwitterten Baumstamm von Johann Georg Dillis (um die 24000 Euro) wurde wiederum ein deutsches Museum schwach. Und das mit Grund, denn dieses wunderbar leichthändig getuschte Blatt in seinen nuancierten Brauntönen und lichten Partien führt vor, wie experimentierfreudig der Künstler schon um 1790 – der Zeit der Veduten und idealen Landschaften – war. Der geborstene Baumstumpf scheint sich einer Riesenechse gleich zu bewegen und hochzurecken, hell ausgesparte, schwungvoll skizzierte Bäume und die tonal abgestuften Berge im Hintergrund fügen sich zum luftigen Landschaftsraum. Hier klingt an, wofür Dillis 1826 plädieren wird: Man solle die Natur und nicht die Akademie als Lehrmeisterin wählen. Da hatte der als Galeriedirektor und Kunstberater Ludwigs I. stark beanspruchte Künstler seine Professur für Landschaftsmalerei an der jungen Münchner Akademie bereits aufgegeben.

Als Michael Berolzheimer 1938 mit seiner Frau von Untergrainau in die USA emigrierte, konnte er zwar über 600 Druckgrafiken, aber nicht seine Handzeichnungen vor dem Zugriff der Nazis retten. Diese versteigerte das Münchner Auktionshaus Weinmüller schon bald unter der Angabe "aus einer süddeutschen Sammlung". Ein Teil landete, wie sich heute rekonstruieren lässt, in verschiedenen Museen. 2010 restituierte die Albertina jene 29 Blätter, die nun bei Arnoldi-Livie zu sehen sind. Die zurückerstatteten Werke machen allerdings nur einen Bruchteil der ursprünglich 800 Zeichnungen umfassenden Kollektion aus, und so bleibt offen, wie repräsentativ das Sammlungsfragment ist. Dass Michael Berolzheimer sich bei seinen Erwerbungen nicht auf ein Jahrhundert konzentriert hat, dokumentieren neben den Arbeiten von Lanino und Bergmüller nicht nur das Ruinenmotiv Abraham Bloemaerts und zwei kleine anonyme Zeichnungen aus dem 17. Jahrhundert, sondern auch eine mit Verve skizzierte mythologische Szene des Lothringers Nicolas Guibal. Sie gilt als die einzige erhaltene Zeichnung aus der Frühphase des Künstlers, der als Hofmaler Carl Eugens von Württemberg tätig war. Allerdings fällt auf, wie gut gerade Landschaftssujets in der Sammlung vertreten sind. So birgt sie Schätze wie Carl Rottmanns Bucht bei Palermo , die in der sparsamen Lineatur und feinen Strichelung fast an Ingres gemahnt und, Tiefe suggerierend, den Vordergrund nur noch punktuell andeutet (24000 Euro). Auch die Welt der deutschen Romantik, das Stille, religiös Empfindsame und Märchenhafte müssen Michael Berolzheimer angezogen haben, da er gleich mehrere Blätter Moritz von Schwinds und Arbeiten von Nazarenern wie Philipp Veit und Eduard von Steinle erwarb.

Für die Nazis haben Michael Berolzheimers kulturelles Engagement und seine langjährige Tätigkeit als ehrenamtliches Mitglied der Ankaufskommission der Alten Pinakothek und der Graphischen Sammlung München keine Rolle gespielt. Es stimmte die NS-Behörden auch nicht gnädig, dass er aus einer alt eingesessenen jüdischen Unternehmerfamilie in Fürth kam und sein Vater, Gründer der Eagle-Pencil-Fabrik in den USA, ein bayerischer Patriot und Philanthrop gewesen war, ein großzügiger Stifter, der die Fürther wie Nürnberger Ehrenbürgerwürde erhalten hatte. Bruce Livies Text im Katalog zur Michael Berolzheimer Collection informiert über die Hintergründe dieser einzigartigen Sammlung. Die Geschichte ihrer Restitution hat erst begonnen.