Hamburg ist nicht die Musikstadt, in der sich berühmte Sinfonieorchester die Klinke in die Hand geben. Noch nicht. Das soll sich ändern, wenn endlich die Elbphilharmonie fertig ist . Aber die Eröffnung des neuen Konzertsaals im Hafen wird so regelmäßig verschoben (aktuell auf Ende 2013), wie sich die Kosten für den Bau erhöhen (aktuell auf 323 Millionen Euro). Und die Hamburger müssen sich vorerst damit begnügen, dass manchmal jetzt schon ein bisschen Elbphilharmonieglanz in die alte Laeiszhalle fällt. Der Intendant des Hauses plant nämlich immer neue spektakuläre Eröffnungsspielzeiten, sagt aber nach einer Verschiebung nicht all die teuren Engagements wieder ab. So kam es, dass jetzt innerhalb von nur zehn Wochen mit den Wiener Philharmonikern, dem Amsterdamer Concertgebouworkest und dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks gleich drei der europäischen Spitzenorchester in Hamburg gastierten. Es waren großartige Konzerte, die besten Orchesterauftritte in der Stadt seit langer Zeit. Das Besondere daran: Alle drei wurden von einem Dirigenten geleitet – Mariss Jansons.

Der Lette ist im Moment der Liebling der Top-Orchester. Alle möchten sie ihn als Gastdirigenten an ihrem Pult sehen. Wo immer eine Chefposition zu vergeben ist, taucht seine Name ganz oben auf der Wunschliste auf. Dabei steht Mariss Jansons schon, was ungewöhnlich genug ist, bei zwei renommierten Orchestern in der künstlerischen Verantwortung, in Amsterdam und beim Bayerischen Rundfunk in München. Er verkörpert einen Dirigententypus, den die Orchestermusiker besonders schätzen: Er ist metiersicher, aber frei von Arroganz; sein Schlag kommt präzise, aber engt die Musiker nie ein; er hat ein mitreißendes Temperament und behält doch die volle Kontrolle über das musikalische Geschehen.

Man muss in seiner Hamburger Konzertserie gehört haben, wie er die kapriziösen Wiener Philharmoniker in Berlioz’ Symphonie fantastique aus der Reserve lockt, welche Reaktionsschnelligkeit er ihnen abverlangt, weil er jedes Detail mit großer Selbstverständlichkeit vorgibt, im nächsten Augenblick aber alles genauso gut ganz anders einfordern könnte. Man muss den Farbrausch gehört haben, den er mit dem Concertgebouworkest in der Rosenkavalier- Suite von Richard Strauss entfacht. Das Stück träumt sich bei ihm nicht eine nostalgisch schimmernde Vergangenheit, sondern droht vor praller Klanggegenwart schier zu platzen. Und am Pult des BR-Symphonieorchesters macht er ein paar Wochen später mit dem Heldenleben von Strauss weiter, wo er mit der Rosenkavalier- Suite aufhörte: Jansons zeigt sich spendabel in Klang und Linie, er schenkt die Musik mit vollen Händen aus.

Es macht dabei keinen Unterschied, ob er sich dem feinmürben Ton der Wiener gegenübersieht, dem goldbronzenen der Amsterdamer oder dem hitzigen, mitunter aggressiv züngelnden der Münchner. Jansons lässt den Hörer nicht spüren, dass musikalische Qualität durch das Ertüfteln und Perfektionieren von unendlich vielen interpretatorischen Details entsteht. Im Moment der Aufführung geht das Erklingende bei ihm immer in ein großes Fließen über. Und an allen drei Abenden spielen die Musiker wie unter Starkstrom gesetzt. Vielleicht ist das die markanteste von Jansons Fähigkeiten: die enormen Energien, die er auf ein Orchester zu übertragen vermag – und an die er den Saal immer gleich mit anschließt. Am Ende der Konzerte dreht er sich mit dem Einsetzen des Beifalls zum Publikum, hält sich mit beiden Händen am Pultgeländer fest mit einem Gesichtsausdruck, der zu fragen scheint: Na, habt ihr nun genug, oder muss ich noch weitermachen?

Jansons Kraftentfaltung hat etwas existenziell Getriebenes. Seine Musiker sagen, er sei ein Verrückter, der nicht anders könne, als immer und überall hundertfünfzig Prozent zu geben. Jansons selbst sagt: "So bin ich." Und erzählt die Geschichte noch einmal, die er schon oft erzählt hat, weil sie so viel über ihn aussagt. Vor 16 Jahren dirigierte er am Osloer Opernhaus eine Aufführung von Puccinis La Bohème und erlitt auf offener Bühne einen Herzinfarkt. Er hatte grässliche Schmerzen und brachte es dennoch nicht fertig abzubrechen. Er sackte am Pult zusammen und dirigierte noch im Fallen weiter. "Ich dachte in dem Augenblick, dass ich den Abend noch zu Ende bringen könnte. Ein lebensgefährlicher Irrtum." Es war der erste von zwei Herzinfarkten, die Jansons erlitt. Das Herz ist sein gefährdetes Organ, und für ihn ist klar, dass die Empfindlichkeit nicht nur den Muskel betrifft, sondern auch den imaginären Sitz der Gefühle. Ja, er passe gut auf sich auf, sagt er. Er halte Diät, gönne sich Ruhepausen und versuche, sich nicht zu viel zuzumuten. Aber die Kunst könne er einfach nicht auf die leichte Schulter nehmen. Dafür verspüre er eine viel zu große Verantwortung, sobald er den Taktstock in die Hand nehme. "Ich muss immer mein Bestes geben."

Wo kommt der Zwang her? Mariss Jansons hat ihn schon als kleiner Junge gespürt. Er wurde in Riga geboren als Sohn des bekannten Dirigenten Arvid Jansons, der als Assistent des legendären Orchestererziehers Jewgeni Mrawinski arbeitete. Der Vater schickte Mariss auf die Vorschule des Leningrader Konservatoriums. Dort erlebte er, fern der Heimat und kaum Russisch sprechend, den Kaderdrill der sowjetischen Musikausbildung. "Es war dramatisch", sagt er, "ich war viel zu schüchtern und habe oft geweint, aber ich wollte mir beweisen, dass ich genauso gut bin wie meine Mitschüler." Jansons kämpfte sich mit Ehrgeiz und Talent durch die harte Leningrader Schule und wurde schließlich selbst Assistent von Mrawinski, der eine sowjetische Musikergeneration geprägt hat.