Wer ist Angela Merkel ? Was will sie wirklich? Ganz selbstverständlich kommen diese Fragen daher. Dabei setzen sie viel voraus: dass der Mensch ein klar umgrenztes Ich hat, ein Set an Überzeugungen verschiedener Härtegrade; dass er wie ein Pfirsich ist, mit einem Kern in der Mitte, klar geschieden vom Fruchtfleisch und von der Außenhaut. So ist der Mensch aber kaum noch, jedenfalls nicht der moderne. Er vereint für gewöhnlich verschiedene Ichs, seine Motive sind in sich verschlungene Schichten. Bei sich zu sein, einer zu sein, das ist heutzutage eine kulturelle Leistung. "Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?", fragt ganz zu Recht der Bestsellerphilosoph Richard David Precht . Wer ist Merkel – und wenn ja, wie viele?

Man könnte ihr zugutehalten, dass der Mensch heute eben flexibel, viel-ichig sei. Das tut man aber nicht. Weil der Bürger vom Politiker erwartet, er habe einfach zu sein, gut sortiert in Prinzipien und Opportunitäten, Strategie und Taktik, Gut und Böse.

Das mag so sein. Bei der Kanzlerin kommt jedoch etwas hinzu. Denn gerade sie wirkt wenig postmodern, nicht wie eine multiple Persönlichkeit, vielmehr ganz bei sich. Sie hat seit Jahren ihre Mode und ihren Mann beibehalten, sie hat weder ihre Wortkargheit überwunden noch ihren Gefühlsgeiz, sie hat sich nicht den Medien angepasst. Sie ist als Kanzlerin so wenig abgehoben, wie sie als DDR-Bürgerin untergegangen ist. Geht sie noch in dieselbe Sauna wie am 9. November 1989? Zuzutrauen wäre es ihr.

Angela Merkel hat viel weniger Metamorphosen hinter sich als etwa Joschka Fischer oder Gerhard Schröder. Doch, so paradox es klingt, gerade weil sie ein so stetiger, kühler Phänotyp ist, verzeiht man ihr die Wenden weniger. Die sind weder so vulkanisch wie bei Fischer noch so animalisch wie bei Schröder, sie scheinen ausgedacht und instrumentell. Weil sie die intelligenteste Kanzlerin seit Helmut Schmidt ist, nehmen es ihr viele übel, wenn sie sich wendet. Der Zweck entheiligt die Mittel.

Zudem – als wollte sie das sinnsuchende Publikum züchtigen – lässt Merkel stets eine Weile, manchmal Jahre vergehen zwischen der Wende und ihrer Erklärung. Darum nimmt mit jedem Richtungswechsel die Zahl derer zu, die sich von ihr nicht ernst genommen fühlen. Nun, mit dem Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg , hat sie eine Wende zu viel vollzogen.

Hier nur eine kleine Auswahl, ein Best-of ihrer politischen Wandlungen: von der sanften Reformerin zur fast Neoliberalen (ab 2003); von der fast Neoliberalen zur Beinahe-Sozialdemokratin (ab 2005), von der halb Roten zur fast Grünen (2009), von der fast Grünen zur streng Schwarz-Gelben (Herbst 2010) und nun zurück zu einer rot-grünen Politikerin (seit dem 11. März 2011).

Das alles würde vielleicht noch aufgehen, wenn man den Veränderungen einen übergreifenden Sinn geben könnte. Tatsächlich hat Angela Merkel in ihren Jahren im Parteivorsitz die Union Schritt für Schritt modernisiert, familienpolitisch, integrationspolitisch, ökologisch. Da reihte sich der neue Anti-Atom-Kurs zwanglos ein, wenn, ja wenn da nicht der "Herbst der Entscheidungen" gewesen wäre.

Mit einer demonstrativen Härte bei Hartz IV, der Absage an Schwarz-Grün ("Hirngespinst") und an die multikulturelle Wirklichkeit ("absolut gescheitert"), vor allem aber mit der Laufzeitverlängerung für AKWs vollzog sie eine Rechtswende. Die liberale, grün angehauchte Merkel versuchte, den absterbenden konservativen Flügel ihrer Partei höchstpersönlich zu ersetzen und dabei zugleich die darbende und quengelnde FDP zu retten. Das war womöglich der größte politische Fehler ihrer Karriere. Sie hat damit das Narrativ ihrer Politik zertrümmert.